Axiome der Wissenschaft

18 Axiome der Wissenschaft

Gliederung
Arno Thaller
17.1.16

  1. Axiom: Sein heißt “Vorhanden-Sein” (und nicht “Anwesenheit”, die des (zeitlichen) “Da-Seins” bedarf).
    “Vorhanden-Sein” hat keinen Sinn für “Nicht-Sein” und damit für die “ontologische Differenz”, für “Sein als Zeit”, “Sein als Sinn” und für “Dank” dafür, dass sich “Sein dem Dasein” schenkt und “Dasein dem Sein”. In der Vereinigung würde Sein zeitlich, wie das dem Begriff “seiend” als Verlaufs-Form von “sein” entspräche: Sein als “Ereignis”, nicht als “Teilhabe”! Durch die Abstraktion der “Zeit” und des “Zeitlichen” (d.h. des Menschen) vom “Sein” beseitigt sich der Mensch selbst aus jedem wesentlichen Zusammenhang. Zwar hat er die Hypothese hervorgebracht, aber er tut so, als wäre sie “von selbst”. So bewegt sie sich im Bereich der Fraglosigkeit. Es ist das naive Seins-Verständnis, das auch dem Kinde eigen ist. Es meint,Mama sei ganz einfach “vorhanden”, ohne Ahnung, dass sie einst sterben wird, und dass erst das Kind sie zur
    Mama gemacht hat.
    Dieses “Werden-und-Vergehen” – und dieses “gegenseitige Hervorbringen” – ist dem Kinde – und leider auch dem Erwachsenen – heute noch weitgehend fremd.
    Die “ontologische Differenz” spaltet nicht nur das eine Sein in zwei Teile (in “Seyn” und “Seiendes”), sondern auch die Zeit: in “Zeit” und “Ewigkeit”! Das ist das Begriffs-Paar, welches heute die Hirne beherrscht: in der Gestalt der Wissenschaft! Zwischen dem Seienden (neutrum) als “Teilhabe” und dem Seienden (maskulinum) als “Vollzug” des Seins (Jahwe), der täglich vollzogen werden muss, um wahrhaft zu “sein”, klafft ein Abgrund!

  2. Axiom: Wahrheit heißt Richtigkeit,Widerspruchsfreiheit und Übereinkunft (Konsens)
    2.1. Richtigkeit:
    Ausrichtung einer Aussage nach einem Sachverhalt (“Korrespondenz”-Theorie):
    Veritas est adaequatio intellectus sive enuntiationis et rei.
    Wahrheit ist die Annäherung des Verstandes oder einer Aussage an einen Sachverhalt. - Heidegger, Vom Wesen der Wahrheit.
    2.2. Widerspruchsfreiheit: Sie ist das Richtmaß der Ausrichtung (“Kohärenz”-Theorie).
    2.3. Übereinkunft: Die “Konsens-Theorie” beherrscht die Sozialwissenschaften und die Rechtsprechung. In den Naturwissenschaften hat sie allenfalls in der “Lehre” einen gewissen
    Rang. In den “Leitlinien” der angeblich “wissenschaftlich orientierten, Evidenz-basierten” Medizin tobt sie sich aus – und geht dabei über Leichen hinweg!

  3. Axiom: Die Subjekt-Objekt-Spaltung
    3.1. das Axiom des Betrachters, der von “außen” auf Mensch undWelt blickt, als wäre er nicht immer Mensch und nicht immer in der Welt
    3.2. das Axiom der “Welt an sich” (Kant)
    3.3. das Axiom des weltlosen Subjekts

  4. Axiom: Raum und Ort
    4.1. die Homogenität des Raums, d.h. die Gleichheit aller Orte, abgesehen von „Ortsfaktoren“, die korrigiert werden können. Dadurch wird „Gleichheit“ rechnerisch wieder hergestellt.
    4.2. Die Abstrahierbarkeit der Orte von ihrer Jeweiligkeit.
    4.3. Der Raum als leeres “Auseinander”.

  5. Axiom: Zeit als Folge leerer “Jetzte”
    5.1. die Homogenität der Zeit, d.h. die Gleichheit und Vergleichbarkeit aller Augenblicke
    5.2. die Abstrahierbarkeit der Augenblicke von ihrer Jeweiligkeit.
    5.3. die Fragwürdigkeit der Homogenität und Verschiedenheit von “Zeit” und “Raum” in der Relativitätstheorie (“Raum-Zeit”) und der Selbstwiderspruch derWissenschaft, wenn sie nach wie vor Reproduzierbarkeit zu jeder Zeit an jedem Ort fordert.

  6. Axiom: die Gleichheit aller Subjekte; Abstrahierbarkeit von der Individualität

  7. Axiom: “Identität” eines Dings als Folge der Abstraktion von “Ort” und “Zeit”

  8. Axiom: Bewegung als reine “Ortsveränderung”

  9. Axiom: “Kausalität”
    9.1. „Kausalität“ kontra „Abfolge“ (“Kategorie” kontra “Erfahrung”)
    9.2. „Kausa“ kontra „Phänomen“
    9.3. Kausalität kontra Unbestimmbarkeit (Un-determiniert-heit und Un-determinier-bar-keit)
    9.4. Unbestimmbarkeit und Freiheit

  10. Hypothese und Experiment.
    Der Modell-Charakter der Wissenschaft.

  11. Axiom: Mach-barkeit als Wahrheits-Beweis
    11.1. Machbarkeit als Inbegriff neuzeitlichen Denkens: Was mach-bar ist, ist “wahr”:
    11.2. Mess-barkeit als Voraussetzung der Berechen-barkeit,
    11.3. Berechen-barkeit (retrospektive) und Voraus-berechen-barkeit (prospektive) als Voraussetzung der Mach-barkeit.
    11.4. Die Verbannung nicht machbarer Daseins-Bereiche wie “Kunst”, “Liebe” und “Wahrheit” in den Bereich der “Subjektivität” und damit in die “Beliebigkeit” und “Bedeutungslosigkeit”.
    11.5. Zum Machen gehört ein “Werk-Zeug”.
    Die kritische Entscheidung heißt:
    Ist Wissenschaft “Werk-Zeug” oder “Welt”?
    “Werk-Zeug” (zur Bewirkung eines Werks) oder “Welt” (mit “Wahrheits”-Anspruch – als Voraussetzung für die faktische Funktion als Religions-Ersatz)?
    Ist Wissenschaft “wirk”-lich oder “wahr”?
    Jedes “Werk” ist in eine “Welt” ein-gebettet.
    In einer Welt kann man leben, in einem Werk als “Werk-Stück” und “Stück-Werk” (Objekt) nicht! (Frei nach Heidegger in Dümpelmanns Rezeption).

  12. Axiom: Sicherheit der Erkenntnis: Gewissheit als “Wahrheits”-Kriterium.
    Descartes: “Gewissheit” und “Negativität”:
    “Zweifel” an allem (Nichts) , nicht “Staunen” (Sein), wird Wahrheits-Kriterium

    “Gewissheit” angesichts des wahren “Wagnisses” jedes Augenblicks – und der einzigen wahren
    Gewissheit: des Todes!

  13. Axiom: Vorrang des Allgemeinen vor dem Jeweiligen

  14. Axiom: Der Teil und das Ganze:
    Die Hypothese, dass ein Ganzes geteilt werden kann, ohne dass es seinen Sinn verliert, angesichts der Wahrheit, dass ein Ganzes nicht nur mehr ist, sondern ein gänzlich Anderes – als die Summe seiner Teile!

  15. Axiom: Einfachheit heißt “Einfachheit der Mess- und Berechenbarkeit”.
    Ockham nennt drei Definitionen des Einfachen: “Evidenz”, “Erfahrung” und “Heilige Schrift”. “Evidenz” und “Erfahrung” entstammen der Lebenswelt und sind ausgezeichnet durch “Unmittelbarkeit”. Sie sind heute weggefallen. Das Messen und Berechnen dagegen ist etwas
    “Mittelbares”. Es hat sich an die Stelle der “Heiligen Schrift” gesetzt. Dadurch wird das neue “Einfache” immer “komplizierter” und “fremder”, das neue “E-vidente” immer “Un-durchschaubarer”.

  16. Axiom: Sinnlosigkeit
    Sein ist (als “Vorhanden-Sein”) “sinnlos”.
    “Sinn” ist in das Sein “hinein-phantasiert”, antropo-morph und also beliebig.
    Dies legt den Selbstmord nahe, denn mit dem “Sein” ist auch mein “Da-sein” sinnlos!
    Er nimmt – dank dieser heute herrschenden Seins-Hypothese – tatsächlich zu!

  17. Axiom: Zuständigkeit für alles Seiende, auch für Grenz-Bereiche, die per definitionem nicht (so ohne weiteres) wiederholbar – und damit aus dem Zuständigkeits-Bereich derWissenschaft – aus-geschlossen sind: “Anfang-und-Ende”, “Geburt-und-Tod”, “Urknall-und-Schluss-Schuss”, “Ex-plosion-und-Im-plosion”!
    (Wie man sich den lautlosen “Schluss-Schuss” wohl vorstellen muss?)
    Wissenschaft als Philosophie wird komisch:
    Insofern ist Wissenschaft lächerlich und “unkritisch”:
    Sie kennt ihre eigenen Grenzen d.h. “Glaubens-Artikel”, nicht.

  18. Axiom: Philosophia est ancilla scientiae:
    “Philosophie ist eine Dienerin der Wissenschaft.”
    Zeitweise diente sie der “Theologie”.
    Heute dient sie der “Wissenschaft”: in der Gestalt des “Positivismus”.
    Beiden Huren-Diensten sagen wir den Kampf an:
    Sie sind lieblich, aber nicht nachhaltig und damit unter unserer Würde:
    Wissenschaft denkt nicht, d.h. sie denkt nur in den Grenzen ihrer Glaubens-Artikel, s.o.!
    Wahres Denken aber ist immer “transzendentes” Denken, d.h. ein Denken, das alle Grenzen überschreitet. Es lässt sich durch keine Vorschriften in die Grenzen weisen – und schon gar nicht durch die moderne Wissenschaft mit ihren äußerst frag-würdigen Voraussetzungen!
    Sie ist – in ihrem Wesen – ein “Besen” zu ganz bestimmten Zwecken, den wohl ein Zauber-Lehrling missbraucht hat. So sieht dieWelt nun aus: am Ersaufen! (Goethe, Hölderlin, Rückert).