Die Kunst der Versöhnung

Ein Ritual in vier Schritten: Klage, Bekenntnis, Vergebung und Dank!

Die Kunst der Versöhnung

Arno Thaller

Viel Leid hat einen gemeinsamen Nenner: Streit, sinn-losen Streit!1

Streit entzweit und schwächt.

Liebe eint und gibt Kraft.

Viel Lebenskraft fließt in Hass und geht für unsere eigentliche Aufgabe verloren, nämlich die Liebe, die uns hervorgebracht hat, weiterzuschenken und gegen den herrschenden Herrn der Welt, die “Macht”2 und ihren erbärmlichen Diener, das “Ego”, zu verteidigen:
Das wäre ein sinn-voller Streit!3

Unsere Zeit aber hat keine Streit- und folglich auch keine Versöhnungskultur.4

Chronischer Streit bedeutet aber nicht nur “Kraftverlust”:
Nur in der “Versöhnung” erfüllen wir unser Wesen:

Wir sind aus Liebe5 geboren – mit dem inneren6 Auftrag, sie weiter zu schenken.
Nur wenn wir zur Liebe finden, finden wir zu unserem Wesen.
Dann wird unser Dasein sinnvoll – und steht nicht mehr in einem unerklärten Selbstwiderspruch, zwar aus Liebe geboren zu sein, ihrem inneren Auftrag aber kräftig zu widersprechen!
Wenn der “Sinn des Dasein” mit dem “Sinn des Seins” in Einklang ist, dann ist “Glück”!

Liebe bedeutet “Präsenz”: Anwesenheit!
Liebe sucht immer die Konkretion. Sie ist kein Abstraktum. Sie ist eine Tat und keine Theorie.7

Jeder Streit, der nicht der Liebe dient, ist Ego-besetzt.
Da der Satan aber eine ungeheure Regenerationsfähigkeit hat,muss er in jedem Augenblick aufs Neue überwunden werden. Das fordert von uns das Wunder der Neugeburt in jedem Augenblick:

“Es gibt für das menschliche Dasein kein anderes Ziel als das:
in jedem Augenblick neu geboren zu werden.”8

Die Streithähne dagegen verzichten auf diesen einzigen Adel des Menschen: Sie werden nicht jeden Morgen neu geboren, sondern bemühen sich, die Leiche von gestern auszugraben, wie Bert Brecht den “toten Soldaten”.9 Sie glauben sich dabei noch besonders “realistisch”. In Wahrheit verzichten sie darauf, Mensch zu sein!

Der Satan ist nicht nur schlau, sondern ein ausgesprochener Verwandlungskünstler:
Er hat süße Lippen und eine harte Hand. Er spricht von “Liebe” – und hat im Herzen “Hass”.
Nur mit Worten wird gelogen. Wahrer sind Taten!
Zwischen “Worten” und “Taten” klafft ein Widerspruch.
Versöhnung ist eine Liebestat, d.h. die höchste Kunst. Hermann Hesse hat dies mit dichterischer Präzision in Worte gefasst:

“Dass auch nur zwei Menschen, die auf einander angewiesen sind,
in Frieden mit einander leben, ist seltener und schwieriger als jede andere ethische und intellektuelle Leistung.”10

Der Einzelne ist bei dieser Kunst überfordert. Er bedarf der Hilfe. Zu diesem Zwecke gibt es eine Gemeinschaft. Die Erfahrung einer Gemeinschaft gewinnt in Ritualen Gestalt.

Unsere Zeit hat aber keine Rituale, zumindest keine, die der Realität entsprächen.11

Dies ist der Versuch, ein reales Ritual zu schaffen.

Versöhnung geschieht in vier Schritten:

  1. “Klage”
  2. “Bekenntnis”
  3. “Vergebung” und
  4. “Dank”

und wird mit einem Schwur besiegelt.12

Sprachliche und wortlose Versöhnungsrituale

Versöhnung ist eine Tat.
Sie kann sich der Sprache bedienen, aber es gibt auch wortlose Rituale.

Wortlose Rituale

Der Vorteil wortloser Versöhnung ist die unmittelbare Überzeugungskraft einer Handlung.
(Lügen kommen häufiger im Bereich der Sprache vor!)

Zwei Nachteile stehen dem gegenüber:
1. die Flüchtigkeit13: Man hat - trotz aller Handlung - nichts “in der Hand”!
Sprache ist nachhaltiger!14

2. die Gefahr von starren Verhaltensmustern:
Es gibt ritualisierte “Verstöße” und ritualisierte “Wiedergutmachungen”! Bei Süchten ist das regelmäßig der Fall: ein sinnloser Kreislauf von “Sünde” und “Versöhnung” ohne dass irgendein Weg, d.h. “Sinn”, erkennbar wäre!15
“Klage”, “Bekenntnis”, “Vergebung” und “Dank” können zwar völlig überzeugend auch in Mimik und Gestik und Taten zum Ausdruck kommen.
Aber Sprache ist demMenschen doch wesensgemäß. Ein echter Lernprozess ist ohne “Sprache”, d.h. “Denken” im engeren Sinne, allein im Bereich der “Gefühle” und “Handlungen”, kaum denk- und schon gar nicht sagbar!

Sprachliche Rituale

Die Vorteile sprachlicher Versöhnung sind die Präzision und das Bleibende, das der Sprache eigen ist, denn dieser Vorgang kann bezeugt und schriftlich festgehalten werden!
Der Nachteil ist die große Gefahr des Geredes, d.h. der Mangel an seelischer Wirklichkeit.
Die sprachliche Versöhnung hat nur einen Sinn, wenn “Klage”, “Bekenntnis”, “Vergebung” und “Dank” als seelische Handlung getan werden!

Diese Sprache beschreibt nicht: Sie vollzieht.16
Die Tat ist ein Vertrag, der eine neue Wirklichkeit schafft, ähnlich einem Ehegelöbnis.

Das setzt die schriftliche Form voraus. Nun wird ein Vertragswerk geschaffen, damit die Dämonen des Ich und des Alltags auf Dauer überwunden werden!

Es geht um “Bann”, d.h. um den ursprünglichsten Sinn von Sprache und Dichtung.17

Dazu taugt nicht jede Sprache. Was ist die angemessene Art des Sprechens?
Ich will aus meinem - Herzen sprechen: Ich will mich hüten, Anleihen aus wohlfeilen Hirnstrukturen zu nehmen, wie sie seit Jahrhunderten angeboten werden, wie Freud, Jung, Hellinger oder wie sie alle heißen mögen, denn ich weiß, diese Hirn-Strukturen versperren mir den Weg

  • erstens zu meinem Herzen und
  • zweitens zu meinem Herzen, denn sie beanspruchen zeitlose Gültigkeit für alle Seelen!

Ich habe aber begriffen, dass meine Geburt, mein Heute und mein Tod nur mir zukommen und keinem anderen unter meinen sieben Milliarden Mitmenschen.18

Ich bin mir bewusst, dass Denkstrukturen eine große Macht haben. Auch ich bin nicht frei davon. Ich will mich bemühen, die einfache, kindliche Sprache des Herzens zu sprechen. Mein Wegbegleiter wird mich darauf aufmerksam machen, wenn die kindliche Sprache in “Kitsch” entartet, denn Kitsch ist “Lüge” und Lüge ist mit “Versöhnung” unvereinbar! Sie bedarf der Aufrichtigkeit.
Ich habe begriffen, dass Versöhnung ein Werk ist - und zwar ein Herzens-Werk und keinWort-Werk!19
Dieses Herzenswerk bedient sich der Worte, aber diese Worte müssen Wirklichkeit werden, sonst kann ich mir die Mühe dieser “Versöhnung” ersparen: Ich muss “Täter des Wortes” werden, weil ich mich sonst selber betrüge!20
Es geht also darum, mein Leid - an diesem Ort - zu dieser Zeit wahrheitsgetreu in Worte zu fassen!

Ich bin mir bewusst, dass dies ein dichterischer Vorgang ist, ein Kunstwerk und in schärfstem Gegensatz zu jederWissenschaft, die alles gleich macht, weil sie mit dem Anspruch auftritt, an jedem Ort - zu jeder Zeit - für jeden Menschen zu gelten!

Ich begreife: Darum geht es gerade nicht! Es geht um mich!

Also muss ich mich auf den Weg zu meiner Seele in ihrer Sprache machen.

Das wird nicht auf Anhieb gelingen. Es wird dauern, bis ich den Weg zu meinem “inneren Mädchen” finde und lerne, in seiner einfachen Sprache zu sprechen.

Dieses Mädchen kann nicht einfach verhört und abgefragt werden.Wenn ich mit einer solchen Plumpheit auf meine Seele einrücke, zieht sie sich entsetzt zurück - und sagt kein Wort mehr! Dann bleiben nur noch Schablonen übrig. Sie sind so kraftlos wie ein Gebet ohne Andacht. Die Anwesenheit ist es, was ihm die Kraft gibt: im Hier und im Jetzt.

Wie gehe ich vor?

So, wie bei einem konkreten Kind, dessen Vertrauen ich gewinnen will: Ich dränge mich nicht auf wie eine süße Tante! Ich suche zu erraten, was ihm gefällt: Eine Blume? Ein Lächeln? Ein Stein? Nur echt muss es sein: Blume, Lächeln, Stein!

Wenn mir meine Seele Zeichen gibt, dass sie geneigt ist, mir ein wenig Vertrauen zu schenken, dann kann ich ans Werk gehen.
Dabei tun sich sofort einige gängige Schwierigkeiten auf:

Anfangs wird meine Klage mehr ein “Lamentieren” sein, weil ich mich an jede Verletzung klammere: bis die Klage reift und den Schmerz ganz schlicht zur Sprache bringt. Je weniger Worte ich dafür aufbringe, umso tiefer dieWirkung: auf beiden Seiten:21 eine geradezu homöopathische Erfahrung!

Zweitens soll die Klage keine “An-Klage” werden, wann immer dies vermieden werden kann!
Das ist die Kunst! Die “Versöhnung” soll ja ein Werk der Liebe werden und kein Gericht!
“Gerechtigkeit” und “Liebe” aber haben ein sehr gespanntes Verhältnis!

Die Reifung meiner Klage folgt einer inneren Reifung.

Ist schon die wahre Klage ein Kunstwerk, um wieviel mehr das wahre Bekenntnis!

Denn das Bekenntnis erfordert ja eine wesentliche Wendung: vom Ego weg - hin auf den Andern, vom Opfer zum Täter, der - ich - bin! Da gilt es, in die Haut des Andern zu schlüpfen und mit seinen Augen auf mich zu schauen!

Da sieht die Welt ganz anders aus!
Wenn der “Andere” bei der Versöhnung mitwirkt, dann vereinfacht das die Sache22, d.h. den Streit und die Versöhnung. Denn dann müssen “Klage” und “Bekenntnis” auf beiden Seiten einander entsprechen wie “Schlüssel und Schloss”!

Entsprechen sie einander nicht, dann muss der erfahrene Wegbegleiter entscheiden, woran die Unstimmigkeit liegt: mauert der eine oder mault der andere?

Das ist eine heikle Frage, die sich aber meist von selber löst, denn eine wahre Klage wirkt und wird eineWürdigung im “Bekenntnis” bewirken! Die Wahrheit hat eine unheimliche Kraft! Sie spricht für sich! Und sie spricht umso schärfer, je schlichter sie ist, je weniger ich “zulege”. Jede Zutat schwächt und kann dem Andern nur recht sein: Jedes “Maulen” bewirkt ein “Mauern”, wo es doch gerade darum geht, Mauern abzubauen!

Es fördert die Reifung, “Klage” und “Bekenntnis” von Zeit zu Zeit auszutauschen.

Wenn “Klage” und “Bekenntnis” einander entsprechen wie “Schlüssel und Schloss”, d.h. wenn sie ohne Vorbehalt gewürdigt werden, dann ist die Zeit reif für die Versöhnungshandlung:

  • an einem bestimmten Tag,
  • an einem bestimmten Ort und
  • in Anwesenheit aller wichtigen Menschen!

Das ist das Kunstwerk! Es kann in Tagen geschehen, braucht aber oft Monate, ja sogar Jahre!
Es ist nicht leicht, runter vom Ross der Selbstgerechtigkeit zu steigen, denn unsere Zeit hat gar keinen Sinn für “Demut”!

Wenn beide reif genug sind, kann auf eine solche Handlung vielleicht auch verzichtet werden, aber die Erfahrung zeigt, dass altbewährte Rituale “unter Umständen”23 doch ihren Sinn haben!

Wenn der Andere nicht bereit ist, an der Versöhnung mitzuwirken, dann hat der Wegbegleiter eine zweifache Aufgabe: Er muss gleichzeitig den abwesenden Partner vertreten und - als Vermittler - über dem Streit stehen!

Da der Mensch nicht aus sich selber Mensch ist,
sondern alles,
was er ist
und vor allem,
dass er ist,
als Geschenk empfangen hat,
kann wahre Versöhnung nur kraft jenes Geschehens gelingen,
dem er sein Dasein verdankt.
Dieses Geschehen hat einen Namen. Es heißt
“Liebe”.24

Alles Lebendige entspringt der Liebe! Sie ist ein Geschenk mit der Verpflichtung, es weiter zu schenken. Sie ist kein Besitz und ist kein Vermögen.

Vor dieser Liebe, die Leben und Tod hervorbringt, verneige ich mich!

Diese Liebe ist nichts Liebliches,
sondern harte Arbeit,
um der Dämonen des Ich und des Alltags Herr zu werden,
denn sie nähren sich aus einer schier unerschöpflichen Quelle:
dem Schein der Selbstverständlichkeit!

Bei diesem Kampf ist der Einzelne überfordert. Ohne göttliche Liebe geht nichts.

“Nur ein Gott kann uns retten!”

Dies sind die befremdlichen Worte eines Denkers am Ende seines Lebens, der sein Leben lang gelehrt hat, dass “Religion” und “Denken” nichts miteinander zu tun haben!

Da wir diesen Denker auf seinemHolzweg rundum bewundern, machen wir uns sein Vermächtnis zu eigen und rufen den Gott um Hilfe, der uns hervorgebracht hat, damit wir - Ihn zum Vorschein bringen!

Frieden ist ein Geschenk. Es kann nicht erzwungen werden!

Darum gehört vor jeder Versöhnung ein Friedensgebet!
Die Bitte um Geist und Liebe, dieses große Werk zu vollbringen!25

Gott sei dank gibt es Menschen, die sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, diesen Gott anwesend sein zu lassen. Das ist ihr Amt!

Solche Menschen brauchen wir, wenn wir an das Werk der Versöhnung gehen. Sie helfen uns kraft ihres Amtes, die Versöhnungsarbeit auf eine absolute Basis zu stellen, jenseits aller “Meinungen”. Das einzige Absolutum heißt “Liebe”!26

“Gott ist Liebe,
und wer in der Liebe bleibt,
der bleibt in Gott
und Gott in ihm!”

1Joh.4,16

Ohne Versöhnung bleibt der Schmerz ein ewiger Vorwurf, der jede Beziehung durch schlechtes Gewissen vergiftet und schließlich zerstört!

Dies gilt für jedes Verhältnis:

  • zwischen Menschen
  • zwischen Völkern
  • zwischen Gott und Mensch:

Der Mensch hadert mit seinem Geschick und betrügt sich dabei um das Geschenk des Augenblicks.
Er bedarf dringend der Versöhnung, um nicht den Sinn seines Daseins zu verspielen!
Sonst droht das Nichts!

Nun zum ersten Schritt:

1. Klage

Sie hat nur einen Sinn, wenn sie ein Ohr findet. Das fordert die Kunst des rechten Sprechens und die Kunst des Hörens.27
Der erste Schritt der Versöhnung würdigt die Leiden des Opfers. Ich bin Opfer einer Verletzung.
Die Versöhnung beginnt bei mir, bei meiner Verletzung, bei meinem Schmerz!
Er darf zur Sprache kommen: ein letztes Mal!

1.1. Zur Form der Klage gelten fünf Gesetze:

1.1.1. Direkte Rede
1.1.2. “Fasse dich kurz!”
1.1.3. Mach’ aus dir keine Mimose und aus dem Andern kein Monster!
1.1.4. Kein “Bad der Gefühle, kein Wundenlecken!”
1.1.5. Klage, aber klage nicht an!

1.1.1.

Direkte Rede

Die Sprachform der Klage sei die direkte Rede! Führ dir den Andern vor Augen! Sprich deinen schlichten Satz!

1.1.2.

“Fasse dich kurz!”

Ich will mich bemühen, die vielen Jahre des Leids in wenige Worte zu fassen!
Viele Worte verwässern die Sache! Sie machen aus der Versöhnung ein Geschwätz!
Das Geschwätz hat das Ziel aus den Augen verloren: den Schmerz zu überwinden!

Bei der nun folgenden Formulierung meiner Klage will ich mich vor zwei weiteren Todsünden hüten:

1.1.3.

Mach’ aus dir keine Mimose und aus dem Andern kein Monster!
Der Andere ist nicht schlechter als Du!
Bleib’ gerecht!
Viel realistischer als alle Dämonisierungsversuche ist die Einsicht:
Ihr seid beide
den Dämonen des
Alltags und der Streitsucht
zum Opfer gefallen!
Eure Liebe war nicht groß und nicht reif genug,
um diesen Dämonen die Stirne zu bieten!

Jede Entstellung steckt an und führt den Andern in Versuchung! Das sind lauter Eigentore! Sie zeigen nur, dass die Zeit noch lange nicht reif für die wahre Versöhnungstat ist!28

1.1.4.

Kein “Bad der Gefühle”!
Kein Wundenlecken!

1.1.4.1. Sag’, was dich schmerzt, ohne in diesem Schmerz zu baden!
Jedes Selbstmitleid stellt mein Leid mit fremden Augen dar, ist verlogen und schwächt! Es verfälscht meinen Schmerz, weil es sich theatralisch an ein Publikum wendet und sich dabei mancher Gemeinplätze bedient. Mein Schmerz würde durch diese wohlfeilen Schablonen entehrt!

1.1.4.2. Es ist Ausdruck eines Gefühlsegoismus und verliebten Festhaltens am eigenen Schmerz.

Beides lässt gar keinen Willen zur Versöhnung erkennen!

1.1.5.

Klage, aber klage nicht an!

Bleibe bei dir! Vermeide jede unnötige Anklage, es sei denn, sie bringt die Sache kurz und bündig zur Sprache, z.B. “Du hast mich geschlagen”, oder “Du hast mich beraubt und vor den Kindern geschmäht!” Wenn sich dies belegen lässt, dann kommt in der Knappheit das Unmaß des Leidens ohne jede Übertreibung zum Ausdruck.29

1.2. Zum Inhalt der Klage

1.2.1. Verstoßung: Das Leid, nicht geliebt zu werden:
noch nie oder nicht mehr oder zu wenig oder nicht auf die richtige Weise.
Dies ist eine Standardklage: Grund genug, sie sorgfältig zu prüfen.
(Liebe kann auch unersättlich sein und ist dann nichts anderes als Egoismus!)

1.2.2. Verachtung: Das Leid, nicht gewürdigt zu werden.

1.2.2.1. Die Ausdrucksweisen der Verachtung
Das Spektrum reicht von

  • stummer Verachtung bis zu
  • verbaler und
  • brachialer Gewalt.

Unsere Zeit hat nur einen Sinn für

  • brachiale Gewalt und würdigt sehr das Opfer des “Schlägers”, weniger das Opfer
  • verbaler Gewalt und noch weniger das Opfer
  • stummer Verachtung.

Aber zur wahren Versöhnung gehört
die Würdigung aller Vernichtungs-Nuancen,

die den Nachbarn nicht selten entgehen! Dazu gibt uns die Bergpredigt das Paradigma:

Auch Blicke und Worte können morden!

Im Herzen ist der Keim der bösen Tat, noch vor jedem Straftatbestand!

Alle Vernichtungs-Nuancen werden von Christus auf eine Stufe gestellt!
Alles andere ist irreal!

Diese Gleichstellung darf aber nicht das Übel der “Aufrechnung” rechtfertigen!

1.2.2.2. Die Inhalte der Verachtung:
1.2.2.2.1. als tätiger Mensch, als homo faber und “Ernährer”, der die Familie am Leben erhält und durch sein unermüdliches Tun erst die ökonomische Basis für die Verachtung schafft!
1.2.2.2.2. als denkender Mensch, der sich um die geistige Orientierung im Dunkel unserer Herkunft, im Dunkel unseres Hingangs und in der verwirrenden Helle des Augenblicks bemüht, und in diesem Bemühen oft genug als übermütiger Spinner, der sich um höchst überflüssige Fragen bemüht, betrachtet wird. Als denkender Mensch ist er durch das jederzeit mögliche Wunder der “Neugeburt im Augenblick” geheiligt und durch sein Ringen um die Frage nach Sinn angesichts seines dunklen Woher und Wohin!
Diese Weihe wird ihm verwehrt, in dem er auf seine Funktionstauglichkeit im Gefüge der Familie reduziert wird.
1.2.2.2.3. als Mann oder Frau, die durch das Geheimnis der Zeugung geheiligt sind,

1.2.3. Betrug

1.2.3.1. Untreue
1.2.3.2. Raub

Dies hat mich verletzt:.............................................................................................................

2. Bekenntnis

Jedes Opfer ist Täter! Nun kehre ich die Blickrichtung um und versuche, mich mit den Augen des Andern zu sehen. Dabei gelten andere Tugenden als bei der Klage.

2.1. Die Tugenden für ein wahres Bekenntnis

2.1.1. Die Tugend der Aufrichtigkeit

Je offener das Bekenntnis ist, umso weiter reißt es die Türen auf. Der Andere wird gewürdigt und sieht gar keinen Grund mehr, nach Schwächen Ausschau zu halten, weil er sieht, dass Du das selber in die Hand nimmst!
Ich will versuchen, meinen Beitrag am Unglück gründlicher zu bekennen als der Andere auch nur ahnt! Ich will nicht mauern, weil das nur eine Verfolgungsjagd nach sich zieht. Ich will ihn mit meiner Aufrichtigkeit in Erstaunen versetzen. Der Vermittler wird dafür Sorge tragen, dass das Bekenntnis keine Erniedrigung wird.

2.1.2. Bekenntnis als “Geschenk” oder als rhetorischer “Auftakt zur Gegenattacke”.

Mein Bekenntnis stellt eine Ordnung wieder her, die durch meine Schuld verletzt worden ist.
Die Art des Bekenntnisses zeigt, um welche Ordnung es sich handelt:

2.1.2.1. Die alttestamentarische Ordnung: “Aug’ um Auge, Zahn um Zahn”.
Aufrechnung als “Rache”

Sie verrät sich rhetorisch durch ein fatales “Aber” am Schluss.

Jedes “Aber” aber trägt den Geist der Rache, der ein Übel mit einem anderen rechtfertigt und so gar keinen Versöhnungswillen erkennen lässt: Es werden nur die sattsam bekannten Protestnoten ausgetauscht und jeder freut sich insgeheim, seine bewährte Bombe wieder einmal im gegnerischen Lager platziert zu haben, potenziert durch die Entrüstung von Zeugen!

Beim Aufrechnen geschieht nicht nur das Unrecht der Rache.
Es geschieht noch ein anderes Unrecht:

Das Aufrechnen ist Verrat am absoluten Maßstab der Liebe. Die heilsame Bewegung vom “Gesetz” zur “Liebe” wird umgekehrt: Es geht rückwärts! Versöhnung entartet zu einem Handel der Verletzungen, nicht unähnlich dem Gefangenentausch verfeindeter Heere, der auch nicht auf der Basis der “Liebe” geschieht: Basis ist Rache!

Beim Aufrechnen ist also die Liebe verraten und ihr absoluter Maßstab fallen gelassen. Verletzungen werden wie Waren gehandelt: eine reine Gefühlskrämerei!
Das ist der Sinn, wenn Paulus sagt: “Die Liebe verzeiht alles.” (1. Kor. 13,7)

Das “Aber” entschleiert das Bekenntnis als “Zwar” und zwar als Einräumung und Sprungbrett für eine Gegenattacke, auf die es allein ankommt!

2.1.2.2. Die Liebes-Ordnung
Wahre Versöhnung ist nur aus dem Geist der Bergpredigt möglich und nicht aus dem alttestamentarischen Rachegeist “Auge um Auge, Zahn um Zahn!”

Dieser Satz ist keine Ansichtssache. Er gilt für alle auf dieserWelt, gleich welchen Glaubens sie sind. Es ist nur die Frage, wieviel Blut noch fließen muss, damit sich diese Erkenntnis durchsetzt!

Meine göttlichen Gaben habe ich nicht genutzt. Das ist meine Schuld. Diese Schuld wird nicht dadurch gemindert, dass Du Dich in ähnlicher Weise schuldig gemacht hast!

Nur aus der Trauer, dass Christus wieder einmal umsonst am Kreuz gestorben ist und dass ich schamlos den Namen dieser großen Seele missbraucht habe, ist Versöhnung möglich.

2.1.2.3. “Liebe” überwindet “Gesetz”
Liebe setzt das Gesetz nicht außer Kraft. Sie erfüllt es in einem höheren Sinne als es ihm selbst möglich ist.

Gesetz als “Still- und Zu-stand” ist lebensfeindlich. Nur in der Überwindung verwirklicht sich ein Lebensgesetz, das besonders im Menschen zum Ausdruck kommt. Das hat schon Platons Sokrates erkannt: DerMensch ist dasjenigeWesen, das sich selber überlegen ist: “stärker als er selbst”.30

2.1.2.3.1. “Gesetz” als weltliche Gerechtigkeit
Im Bereich weltlicher Gerechtigkeit gilt das Verursacher-Prinzip. Da gibt es Täter und Opfer, und dieses Verhältnis ist nicht umkehrbar. Der Täter wird geächtet.
2.1.2.3.2. “Liebe” als höchste Gerechtigkeit
Wenn nun Liebe das Gesetz überwindet, dann stellt es das Gesetz nicht auf den Kopf. Liebe lässt sehr wohl die Kirche beim Dorf und stellt fest, wer der eigentliche Aggressor ist, aber sie verzichtet auf Rache.

Im kranken Kreislauf von “Reiz und Gewalt” ist ganz klar der “Reizer” der eigentliche Aggressor, der agent provocateur!

Aber diese Einsicht rechtfertigt nicht die Gewalt.

Wir verstehen nur allzu gut den Zwiespalt zwischen Sanftmut und verbaler Gewalt, wenn Christus den Hinterfotzigen mit einen Mühlstein um den Hals in die Tiefen des Meeres versenken möchte!

Wenn dieser Täter aber die Bisswunden, die ihm das Opfer in Verzweiflung oder Notwehr zufügt, gegen die Bisswunden, die er ihm zugefügt hat, 1:1 aufrechnet, dann ist jede Versöhnung in weite Ferne gerückt:
Dann jubelt nicht nur der Satan der Rache.
Dann ist nicht nur die Liebe als absolutes Maß verraten:
Dann ist dazu nicht einmal ein Mindestmaß an weltlicher Gerechtigkeit erreicht, geschweige denn überwunden, nämlich die Würdigung des Gesetzes von Ursache und Wirkung.31

“Liebe” wird den Reizer nicht rechtfertigen: Sie rät aber zur Besonnenheit, nicht zuzuschlagen, ihm auch keinen Mühlstein um den Hals zu hängen, sondern die Demütigung überlegen zu ertragen, wohl wissend, dass das Böse am eigenen Atem erstickt!

2.1.3. Die Reifungszeichen des wahren Bekenntnisses

Aufrichtigkeit und Verzicht auf Rache sind die Zeichen, die zeigen, ob die Seele reif zur Versöhnung ist, oder ob sie klammert, jammert und im eigenen Schein schön dastehen will!

2.2. Wesentliche Bekenntnisse

Hier folgen einige Gedanken, um das Rätsel zu ergründen, warum die meisten Ehen weniger an der “Verschiedenheit der Charaktere” als am “Alltag” zugrunde gehen.

2.2.1. mein Verstoß gegen das Wesen der Liebe

2.2.1.1. Liebe sucht Erfüllung im Augenblick. Sie ist ergriffen von der Wahrheit, dass jeder Augenblick einzigartig und unwiederholbar ist.
Am Anfang unserer Liebe warst Du für mich eine Offenbarung. Jeder Augenblick war ein Geschenk. In dieser vollen Anwesenheit und Dankbarkeit war Gott mit uns:

“Gott ist Liebe” (1Joh, 4,16), und
“Gott ist ein Gott der Gegenwart”! (Meister Eckhart).

Mit der Zeit aber habe ich Dich wie etwas Selbstverständliches genommen. Du bist eine feste Größe geworden wie ein Gegenstand zum täglichen Gebrauch.32 Gleichgültigkeit hat sich eingeschlichen, und schließlich bist Du mir eine Last geworden, ein notwendiges Übel, dem ich gewisse Vorteile “verdanke”!

Das Selbstverständliche steht dem Staunen gegenüber.

Das Selbstverständliche ist die Grundverfassung des Alltags.

Das Staunen ist die Grundverfassung alles Schöpferischen: des Denkens, Betens und Schaffens. Wer die kindliche Gabe des Staunens für immer abgelegt hat, hat sich selber aus den lebensentscheidenden Bereichen der Philosophie, der Religion und der Kunst ausgeschlossen.
Da auch die Liebe der Grundhaltung des Staunens, der Betroffenheit und der Ehrfurcht entspringt, ist abzusehen, dass er sich damit auch aus dem Bereich der Liebe ausgeschlossen hat.33

Der Alltag geht von der Voraussetzung aus, dass ein Tag wie der andere ist.

Dies ist die erste Lüge des Alltags.

In Wahrheit öffnet sich jeder Tag am Morgen ein einziges Mal, entfaltet sich in seinen  Mittag und geht am Abend für immer unter! Dies ist die erste Wahrheit!

Eine zweite ist ihr gleichgestellt:

Mein Leben insgesamt ist nicht sinnvoller als ein einziger Tag!34

Liebe und Alltag, Einmaligkeit und Wiederholbarkeit: vor diese Entscheidung war ich gestellt. Statt der Liebe die Ehre der ersten Besinnung des Tages zu geben, habe ich es zugelassen, dass mich der Alltag entführt und auffrisst. Aus Mangel an Andacht habe ich so das Geschenk unserer Liebe verloren.
Ohne zu zaudern habe ich den Alltag ernster genommen als meine Liebe zu Dir!

Der Alltag ist vom Gesetz her bestimmt. Hätte ich Paulus recht verstanden, dann hätte ich meine Liebe zu Dir weit über den Alltag stellen müssen. Statt dessen habe ich Dich schlechter behandelt als meinen Arbeitgeber!35
Durch mein Verhalten habe ich gezeigt, dass ich ein knechtisches Wesen habe, das nur der blanken Gewalt, die am Arbeitsplatz herrscht, gehorcht!

2.2.1.2. “Andacht” habe ich, wenn überhaupt, immer woanders gesucht. Ich habe fremde Götter angebetet, den Gott in Dir aber nicht erkannt! Das war der erste Keim meiner Untreue!

2.2.1.3. Ich habe Dich nicht geehrt, weder allein noch in Gesellschaft. “Tadel” überwog “Lob”.
Ich übte ein selektives Sehen und sah nur noch Deine Schwächen! Deine Stärken blendete ich aus! Der Gipfel aber war, dass ich glaubte, in meiner Verblendung besonders schlau zu sein! Ich glaubte mich auf einem Erkenntnisweg. InWahrheit vergewaltigte ich Dich und machte aus Dir eine Maus oder ein Monster! Dieser Knoten in meiner Optik war meine Tat!

2.2.1.4. Ich war unreif und habe dasWesen der Liebe nicht begriffen: Ich glaubte allen Ernstes, Liebe sei ein “Gefühl”, und dieses Gefühlchen sei mein “Besitz”, über den ich “frei” verfügen könne, so wie über mein Konto.

Liebe aber ist ein Geschenk, das zum Schenken verpflichtet.
Wahre Liebe ist schenkende Liebe, •γάπη (Agape).

Meine Liebe war eine törichte Liebe, eine besitzergreifende, habenwollende Liebe.
Dies ist eine schwache Abart der Liebe, weit von jener Liebe entfernt, die mich hervorgebracht hat.

2.2.1.5. Freiheit und Herzensbildung: Ego und Liebe
Mein Recht auf “freie Entscheidung” habe ich höher gewertet als jede Herzensbildung. Der Grundsatz, den anderen nicht unnötig zu verletzen, hatte für mich keine Gültigkeit. Ich benahm mich wie eine Eisprinzessin36, bei der es gilt, auf den rechten Augenblick zu warten, um selbst ein berechtigtes Anliegen vorzutragen. Deine ausgestreckte Hand ließ ich eiskalt in der Luft hängen. Deine Bitte um ein Gespräch schlug ich aus. Dein Geschenk wies ich zurück oder ließ es ohne ein Wort des Dankes liegen!

Diese zahllosen Verletzungen fügte ich Dir zu, ohne dass mir die Umrisse meiner Verrohung auch nur gedämmert hätten! Selber leicht verletzlich, zögerte ich nicht, Dich bei jeder Gelegenheit zu verletzen: So benahm ich mich wie ein Barbar, dem es an der einfachsten Herzensbildung fehlt!
Da ich aber in anderen Situationen durchaus ein Gespür bewiesen habe, kann ich beim besten Willen keinen Bonus der Unzurechnungsfähigkeit eines Kranken mit einem Asperger Syndrom beanspruchen. Ich bin überführt: Mein Stolz ließ mich das einfachste Gebot des Anstands brechen, vom Liebesgebot ganz zu schweigen.
In diesen Augenblicken jubelte in mir der Satan des Ego. Er verblendete meine Sinne und entfachte Hohn und Hochmut in mir, nicht unähnlich den Freiern kurz vor dem Fall.37

2.2.1.6. Ich war eifersüchtig auf alles, was nicht “Ich” war: Deine Freunde, Deine Familie, Deine Liebhabereien: Ich gab Dich nicht frei. Ich habe die Weisheit

“Was du liebst, gib frei! Kehrt es zurück, gehört es Dir für immer!”

nicht begriffen und pflegte einen ganz kleinlichen Egoismus. Deine Herkunftsfamilie habe ich nicht bejaht. Ich habe sie als “Sippschaft” abgetan, ohne die existentielle Bedeutung der Familie zu würdigen. So habe ich immer einen Keil zwischen Dich und Deine Familie getrieben.

2.2.1.7. Ich glaubte an die Originalität meiner Gefühle und begriff nicht, dass viele “meiner” Gefühle durchaus fremden Gesetzen gehorchen.

Ich war launisch. Launenhaftigkeit macht unfrei. Sie schafft einen Raum der Beklemmung und des schlechten Gewissens. So verjagte ich Dich, während ich mir vormachte, Dich zu suchen.
Die wahren Wurzeln meiner Launen (Akedia), blieben mir dabei unklar: Ich projizierte meine eigene Leere auf Dich! Ich machte mich nicht auf denWeg und suchte nicht den wahren Grund meiner tiefen Trauer. Ich machte Dich zum Sündenbock!

2.2.1.7.1. die geistliche Wurzel meiner Launen ist die tiefe Erfahrung von “Sinnlosigkeit”:
O vanitas vanitatum: Es - ist - alles - nichts! Dies ist die Nacht der Gottesferne!

Zwar bedroht dieser Dämon ganz Europa (mitsamt seinem Anhang “Amerika” und allen Völkern, die im Begriff sind, diese Geisteshaltung als etwas ganz ‘”Natürliches” zu empfinden und die Gottes-Ferne als Fort-Schritt zu feiern), aber das entschuldigt mich nicht.
Dieser Fluch europäischen Denkens lastet wie eine Erbsünde auf mir.

Ich nehme sie an. Geschichte geschieht “hier” und “jetzt” und durch “mich”! Die Würde des Menschen besteht darin, dass er nicht nur ein Herdenwesen ist: Es kommt auch auf mich an - in meiner “Jemeinigkeit”! Meine Geburt - und mein Tod - und mein Heute - kommen nur mir zu und keinem anderen Menschen! Diese Grunderfahrung ist der Segen europäischen Denkens!

Statt mein kindliches Gottesbild in Frage zu stellen, stellte ich “Gott” in Frage. Ich übernahm fraglos das götzenhafte Gottesbild eines monströsen Menschenwesens (“nach meinem Bild und Gleichnis”), das alles kann und alles weiß und an allen Orten ist: und nichts gegen das Unheil tut, und uns in unserer Dummheit belässt und nie da ist, wenn wir es am dringendsten nötig hätten: ein lächerliches Götzenbild, das heute noch die Hirne der großen Kirchen beherrscht!

Ich stellte recht aufgeklärt fest, dass ich daran nicht glaube! Meine Lebensaufgabe aber wäre es gewesen, mich auf den Weg zu meinem eigenen Ursprung zu machen, wie das ein östliches Wort für “Gott” nahelegt: Khoda, das persische Wort für “Gott”, heißt nichts anderes als das “Zu-sich-Kommen”!38 Statt mich auf den Weg zu Gott, als dem Rätsel meines eigenen Ursprungs, zu machen, widerte ich meinen wichtigsten Weggefährten an und lud meine Leere bei ihm ab! Eine völlig undurchdachte Evolutionsphilosophie war mir “Gottesersatz”!

Ein einfaches Nachdenken hätte mich misstrauisch werden lassen, ob die wissenschaftliche Betrachtungsweise dem Rätsel, dass “Ich” - “nun” - “hier” - bin, gerecht wird, wo doch Wissenschaft an jedem Ort - zu jeder Zeit - und für jedes Ich - gelten soll, also von der Einzigkeit meines Ortes - und meiner Zeit - und meines Ichs - gar keine Kenntnis nimmt!Warum vertraute ich mich diesem Wahnsystem an, das mit dem einzigen Anspruch, die Welt zu beherrschen,
angetreten ist!

Liebe aber lässt sich nicht “beherrschen”!
Das bedeutet nicht, dass Liebe in ihrem Wesen unbeherrscht, d.h. maßlos sei.
Der Satz heißt vielmehr: Wahre Liebe und Herrschaft schließen sich aus.
Liebe kann nur in einem Raum von Freiheit gedeihen.
Darum entspringen “Frei-heit” und “frei-en” derselben Wurzel.

Ich habe Liebe mit “Trieb” verwechselt.
Das ist in der Psychologie seit dem 19. Jahrhundert (Sigmund Freud) zwar gang und gäbe, aber es bleibt ein Wahnsinn, ein salonfähiger Wahnsinn, denn die Liebe erfüllt sich in der Zeugung eines neuen Daseins. Sie dient nicht nur dem Erhalt des eigenen Daseins wie der Nahrungstrieb!
Diese Möglichkeit (potentia), ein neues Dasein hervorzubringen, macht die Liebe heilig!

Der Blick auf die Liebe als “Trieb” ist getrübt durch monströse Genitalien, “als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt”!38

Diese Liebe hat Hesiod die “Geschlechtsteil-liebende” genannt und der Göttin “Aphrodite” zugeordnet.39 “Eros” dagegen ist die Urkraft, die Himmel und Erde, das Helle und das Dunkle, das Offenbarende und das Bergende, in eine fruchtbare Beziehung bringt.40

Ich versäumte es, in die entscheidende Frage hineinzureifen.
Worum geht es? Geht es um Macht? Bin ich gemacht? Bin ich gezeugt? Bin ich geliebt? Gott ist ein Weg - und kein Standbild! Gott ist im Werden! Dieses Werden heißt Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. (1Joh.4,16).
Gott ist Zeit:

Gott - ist - das Geschehen, dass - ich - bin!

Dieweil eine metaphysisch vergewaltigte Theologie immer noch das Bild eines “ewigen” und d.h. zeitlosen Götzen kultiviert!

In dieser Nacht der Sinne besinne ich mich auf die einzige Realität, an die ich glaube: an die Macht der Liebe, die mich hervorgebracht hat: Meine Eltern - haben sich - geliebt, und darum bin ich. Auch deren Eltern - haben sich geliebt: Die ganze Menschheit ist ein gewaltiger Spross der Liebe mit ihren verschiedenen Gesichtern, die vom Haben bis zum Geben reicht, vom
Klammern bis zur Befreiung: Alles Lebendige ist aus Liebe entstanden! Und die Vokabeln, deren sich die Astronomen bedienen, um das Rätsel desWeltalls zu klären, heißen “Geburt” und “Tod” der Sterne! Sie sind, um begreiflich zu werden, meinem Rätsel entlehnt. Es ist das größte Rätsel! Das Rätsel der Sternengeburt ist einzig verständlich aus dem Rätsel meiner Geburt!

Also begreife ich, dass alles offen ist! Die größten Dinge sind ungeklärt!Wie herrlich der Satz: “Nicht der Zweifel - die Gewissheit ist das, was wahnsinnig macht ...!”41 Ich bin frei! Ich bin - auf dem Weg! Mehr noch: Ich bin selber ein Weg. Wahrheit kann man nicht haben. Man kann sie nur sein. Und dieses Sein ist ein jeweiliges Sein. Es kommt auf mich an!
Ich habe Dich und mich vergewaltigt, indem ich alles als ein Faktum42 betrachtet habe und nicht als einen Weg! Das war mein Irrtum - und meine Schuld! Ich will es besser machen!

2.2.1.7.2. die seelischen Wurzeln meiner Launen
Ich habe Dich, ohne es zu merken, mit Menschen aus meiner Herkunftsfamilie identifiziert.
Fremde Kränkungen habe ich an Dir gerächt, fremde Trauern musstest Du dulden!

Auch darum will ich mich auf denWeg machen, um Dich von dieser Last und diesem Unrecht zu befreien!

2.2.1.8. Von den drei Gaben der Liebe - Freude, Zeugung und Vergeistigung - habe ich die dritte, die den Menschen vom Tier unterscheidet, nicht als Aufgabe begriffen. Meine ganze geistige “Reife” war Selbstbetrug, weil sie an Dir als meinem nächsten, und darum wichtigsten Menschen gescheitert ist!

2.2.2. Lasterkatalog

Es gab zu allen Zeiten Lasterkataloge. Grundsätzlich neue Laster sind wohl kaum zu erwarten, wohl aber eine Verschiebung in der Rangordnung. Was unsere Zeit auszeichnet ist eine ganz markante Geschwätzigkeit, Feigheit und Verlogenheit.

2.2.2.1. Lüge: mein Verstoß gegen die Aufrichtigkeit

2.2.2.1.1. Untreue
Ich habe heimlich eine neue Beziehung gepflegt. Die Heimlichkeit entehrte beide Beziehungen: die alte, weil ich betrog; die neue, weil ich mich nicht zu ihr bekannte.
2.2.2.1.2. Übrige Lügen: Mangel an Mannhaftigkeit, zu seinen Taten zu stehen
Ich wollte mehr scheinen als sein und habe gelogen, weil das einfacher ist als besser zu werden!

2.2.2.2. Geschwätzigkeit
Ich habe meinen Worten keine Taten folgen lassen, obwohl ich insgeheim wusste, dass ich es Dir auf Dauer schwer mach, mich zu achten!

2.2.2.3. Feigheit (Ignavia)

Ich war feige: Ich habe die wahren Hintergründe, d.h. mein Ungenügen an der Beziehung zu Dir, nicht genannt und Dir dadurch gar keine Gelegenheit gegeben, Dich zu ändern. Statt dessen entlud sich meine Leere in einem Nörgeln. Auch das entehrte uns beide!

Wenn ich mein wesentliches Ungenügen an unserem Verhältnis zur Sprache gebracht hätte, dann hätte ich zugeben müssen, dass Dein Problem auch meines ist! So zog ich es vor, an diesemund jenemherumzumeckern! Das ist leichter! Und die Schwachköpfemeiner Umgebung ermunterten mich noch dazu, weil sie am gleichen Laster litten!

Dass Feigheit der ganzen Zeit eigen ist, entschuldigt mich nicht! Gesprächsangebote habe ich aus Feigheit ausgeschlagen. Ich habe gekniffen! Ich schob fadenscheinige Gründe vor und hielt so verbissen daran fest, dass es mein Gewissen betäubte und ich an den Schwachsinn schließlich selber glaubte! Über Deine Zeichen des Zweifels war ich gar noch empört! So durch den Wind und den Wolf war mein Denken! Es tut mir leid!
Heute, gereift, weiß ich:

Versöhnung gehört zu den Urtaten!
Es gibt nichts Wichtigeres im Leben!

Diese Urtat kommt gleich nach Lichtung des Chaos.43 Liebe ist Versöhnung zweier Welten:
Himmel und Erde, Mann und Frau, Ich und Du!
Diese Urtat muss, dem Wesen der Zeit entsprechend, täglich getan werden, sonst degeneriert sie zu einer metaphysischen Größe in einem längst unglaubwürdig gewordenen Weltbild!

Wenn sich aber mein Handeln an einem Weltbild ausrichtet, an das ich im Grunde nicht mehr glaube, dann verliert mein ganzes Dasein an Glaubwürdigkeit und ich brauche mich nicht zu wundern, wenn mich die Leere angähnt! Zwar glaube ich nicht ernsthaft an das ewige Leben nach meinem Tode, aber ich tue so!

2.2.2.4. Habgier (Avaritia)
Güter sind Geistesersatz geworden. Meine Seele ist dabei verkümmert und verkommen.

2.2.3. Meine mangelnde Reife angesichts meiner Zeitlichkeit

Was den Erwachsenen vom Kind unterscheidet, ist das Wissen um die eigene Zeitlichkeit:

Ο κ  μην, γ νόμην  /  μην, ο κ  μί  τοσα τα. /
Ε  δέ τις –λλο ρέ ι ψ ύσ ταιq / ο κ  σομαι. /

Ich war nicht, ich wurde dann; ich war, ich bin nicht mehr; genau so ist das!
Wenn aber einer anderes sagen wird, wird er lügen; ich werde nicht mehr sein.

Meine eigene Endlichkeit war nur eine abgespeicherte Hirnstruktur. Sie hat mein Herz nicht erreicht. Sie war keine Gegenwart und hat mein Handeln nicht bestimmt!

Statt dessen benahm ich mich wie ein Kind, das sich schon sehr erwachsen fühlt. Ich lebte in einer selbstverständlichen Alltäglichkeit, die damit rechnet, dass ein Tag auf den anderen folgt und zwar bis auf weiteres ...

Dies ist das faktische Postulat eigener Unendlichkeit!

Wenn mich jemand fragt, dann glaube ich nicht an meine Unendlichkeit!
Aber in meinem Alltag tue ich so!
Herz und Hirn sind auseinandergerissen und dazu noch mit gutem Gewissen!

Diese Dummheit war mein Versagen. Sie hat nichts mit Intelligenz, sondern mit Denkwillen zu tun, d.h. mit Geisteskräften, die ich in anderem Zusammenhang durchaus bewiesen habe. Es wäre meine Aufgabe gewesen, sie im Sinne der Versöhnung klug einzusetzen. So habe ich gegen die Kardinaltugend der Klugheit (Prudentia) verstoßen und mich in meinem Denken dem Laster dümmlichster Selbstüberhebung und Selbstgerechtigkeit hingegeben! Hätte mich jemand darauf aufmerksam gemacht, dann wäre ich gar noch empört und eingeschnappt gewesen und hätte dahinter eine Attacke vermutet: So abgehoben von jeder Wirklichkeit war ich!

Nicht ergriffen war ich von der Wahrheit des Satzes:

Keiner reift ohne Not!

Die größte Not aber ist der Tod! Ich ordnete dieWelt um meinen Nabel und erwartete mir, dass sich alle über meine kleinen Schritte der Reifung freuen!
Dass ich mich dabei zu einem Kind degradierte, über dessen erste Schritte die ganze Verwandtschaft Beifall brüllt, das kam mir gar nicht in den Sinn!

Der Tod wartet nicht, bis ich gefälligst reife!

Diese Wahrheit ist in mir nun zur Reife gelangt:
Versöhnung geschieht jetzt - oder nie!

Jede andere Einstellung zeugt von einem kindischen Geist und einem Egoismus, der keinen wahren Willen zur Versöhnung erkennen lässt!

Klage und Bekenntnis, brauchen Zeit zu ihrer Reifung. Sie müssen auf beiden Seiten einander entsprechen wie Schlüssel und Schloss.

Wenn das erreicht ist, öffnen sich die Tore ganz mühelos.
Dann ist die Zeit reif für das große Versöhnungswerk:
Dann schließen sich die beiden nächsten Schritte an, die das Versöhnungswerk vollenden, Vergebung und Dank:

An einem bestimmten Ort - zu einer bestimmten Zeit und in Anwesenheit bestimmter Zeugen werden “Klage” und “Bekenntnis” ein letztes Mal verlesen und in einem Akt der Vergebung und des Dankes dem Andern geschenkt.

3. Vergebung als Einklang von Klage und Bekenntnis.

3.1. als persönliche Tat

3.2. als göttliches Werk

aus der Einsicht, dass Gott (Sein) den Menschen (Dasein) braucht, um zu sein.
(Eine tote Theologie sieht dies anders!).
Nur die göttliche Liebe, die uns hervorgebracht hat, vermag das Werk der Versöhnung, denn

Hass spaltet, Liebe eint!

4. Dank

4.1. Dank für das Gute, denn es tut dem Herzen gut.

4.2. Dank für das Böse, denn es tut dem Hirn gut und führt, wenn es bejaht wird, zur Reife.

Ohne das Böse kann das Gute nicht sein.

4.3. Dank für den Sieg des Guten über das Böse

4.3.1. die Tatsache der Versöhnung

4.3.2. die Reifung in der Auseinandersetzung

5. Schwur (Besiegelung der Versöhnung):

“Diese Versöhnung ist eine unwiderrufliche Tat. Jeder Rückfall in alte Klagen ist ein neues Vergehen gegen die Liebe. Es bedarf der Versöhnung und darf niemit einer Gegenklage beantwortet werden, weil sonst der alte Teufelskreis aufs Neue beginnt! Das verspreche ich beim Gott der Liebe und der Anwesenheit, dem ich mein Dasein und diese Versöhnung hier verdanke!”

_____________________________________________________________

1. Dass sich “Leid” und “Streit” nicht nur reimen, sondern in vielen Fällen ein und dasselbe sind, dieseWahrheit hat sich bereits so weit herumgesprochen, dass es sich in das Gedächtnis unserer europäischen Sprachenfamilie eingeprägt hat: lat. lis, litis, “Zank, Streit”, ist mit dem deutschen Wort “Leid” wurzelverwandt!

2. “Macht” hat viele Gesichter:

In der Gesellschaft ist die wichtigste Macht seit Marx die Ökonomie, d.h. die Habgier, Avaritia, das Geld! Ihm zuliebe sind wir bereit, fast alles zu opfern, am ehesten unsere Ehre.

In den Familien ist der wichtigste Machthaber das Ego, die Überhebung, Superbia.
Auch da geht es um Habgier: Voll Neides (Invidia) bewacht das Ego die Besitzverhältnisse.
Dabei spielt es fast keine Rolle, wie groß der Streitgegenstand ist: das Stück eines Kuchens - oder Grundstücks. Es wird gestritten, dass die Fetzen fliegen - und zwar im Namen einer Gottheit: der Gerechtigkeit Justitia! Die macht den Streit sogar zur Pflicht! Mitten in Europa wird in den Mauern der kleinsten gesellschaftlichen Einheit, unbemerkt von den Medien, ein heiliger Krieg geführt: Auch der kennt - keine - Grenzen: Es geht um Höheres!

Am Arbeitsplatz ist der legitime Machthaber die Position, der illegitime das Ego.

Ein guter Vorgesetzter wird nur selten von seiner Macht Gebrauch machen. Er wird viel eher mit “Sympathie” arbeiten. Er wird versuchen, bei seinen Untergebenen einen “Geist” zu entfachen: dass sie mit Begeisterung arbeiten, d.h. der Sache und dem Kollegen zuliebe, der das wohl merkt und sich auch erkenntlich zeigen will. So entsteht ein phantastischer Wettbewerb!

Wenn dagegen nur noch das Mindestmaß getan wird, um einer Strafe zu entgehen, dann geht nichts mehr! Dann treten trostlose Machtstrukturen zutage! Es wird endlos gestritten!
Bei solchem Streit geht es um keine Sache: Es geht nur noch um Selbstbehauptung!

Das ist leider fast die Regel! Und es macht das Leben unerträglich! Darum bedarf es der Versöhnung:

  • in den Familien,
  • am Arbeitsplatz,
  • im Staat,
  • zwischen den Völkern,
  • mit dem “Schicksal”,
  • mit “Gott”!


3.
Dieser Kampf gegen Mächte ist schwerer als gegen Menschen. Es ist ein Kampf gegen Strukturen. Diese Strukturen sind unsichtbar und damit schwer zu fassen. Sie kommen nur im Denken zum Vorschein. Sie verwirklichen sich zwar immer inMenschen, aber es ist völlig sinnlos, einen Menschen zu bekämpfen, wenn es um Strukturen geht:

Wir alle leiden unter dem fraglosen Vorrang ökonomischen Denkens. Dieses Denken wird nicht dadurch überwunden, dass der Mensch, an dem es vielleicht besonders deutlich zutage tritt, zu Fall gebracht wird. Dieser Fluch unserer Zeit ist mit “Liebe” schwer zu vereinen und erfordert ein sehr besonnenes Vorgehen.

Der erste Schritt ist die Einsicht, dass jeder Mensch von diesem Laster betroffen ist, mehr oder weniger: auch ich! Die Schablone von “Gut” und “Bös” taugt da wenig!

Zu allererst gilt es, die eigene Haltung zu ändern: Was ist das für eine Haltung zu den “Dingen” und zu mir selbst, wenn sie ökonomisch bewertet werden?

Da ist es einfacher, einen konkreten Menschen zu bekämpfen. Da weiß man, wen man vor sich hat. Dieser Feind ist örtlich und zeitlich begrenzbar. Man kann ihn beobachten, seine Schwächen studieren und im geeigneten Augenblick zuschlagen! Ein solcher Kampf ist erlernbar!

Bei diesem weit verbreiteten Vorgehen geschehen zwei Fehler:

  1. Ein strukturelles Problem wird personifiziert. Das ist eine Themaverfehlung. Es führt nie zum Ziel, das Übel auszurotten.
  2. Der entscheidende Schritt wird versäumt: nämlich die Änderung meiner eigenen Haltung! Sie beginnt bei der Einsicht, dass auch ich von diesemProblembetroffen bin, imbesten Fall etwas weniger als mein Gegner, aber das ist unwahrscheinlich und unerheblich.

Diese Einsicht mündet dann in die Tat, die Haltung zu sich und den Dingen zu ändern.Wenn ich Preise vergleiche und - ohne eine Sekunde des Nachdenkens - das billigere Angebot wahrnehme und mich dabei besonders realistisch und schlau wähne: Was geschieht da?
Dann bin ich ein marxistscher Volldepp, auch wenn ich von Marx gar nichts halte! In meinem Handeln habe ich Marx die Ehre erwiesen, wenn er sagt, dass die ökonomischen Verhältnisse die entscheidende metaphysische Größe geworden sind! (Marx sagt, dass sie das immer schon waren. Aber das liegt an seiner Blindheit gegenüber der metaphysischen Struktur seines eigenen Denkansatzes. Es ist verführerisch, aber dennoch ein Verbrechen an den Gesetzen des Denkens, bei einer Neuentdeckung rückwirkend die ganze Geschichte umzudeuten. Es lässt keinen Raumfür das Phänomen der Geschichtlichkeit, d.h. des Werdens! Jede Metaphysik beansprucht zeitlose Gültigkeit! Wir bemühen uns, diesen Wahnsinn möglichst abzulegen!)
Die erste Frage bei der Beurteilung eines Preises wäre: Ist der Preis gerecht? Bei einem Billig-Angebot ist immer Betrug im Spiel: Betrug am Produzenten, Betrug am Händler oder Betrug am Verbraucher. Meistens ist es mehrfacher Betrug: am Produzenten und am Verbraucher! Ein wenig Realitätssinn sagt: Ich kann kein Hähnchen für zwei Euro verkaufen, ohne zumindest den Produzenten und den Verbraucher zu betrügen! Gut und billig geht nicht!

Wenn ich so an das Problem herangehe, dann gibt es keine Feinde mehr, sondern mehr oder weniger Betroffene.
Das entspannt die Lage ungemein! Das setzt Energien frei, die sinnvoller eingesetzt werden können!

Ein strukturelles Problem zu personifizieren, gehört gleichsam zur Ursünde der Menschheit: Kain hatte offenbar eine gestörte Beziehung zu Gott. Das ist ein schweres Problem: Sein Geschenk wird verschmäht!
Das wirft folgende Fragen auf:

  1. Hat Kain gegen göttliches Gesetz verstoßen?
    Da die Bibel dazu schweigt, ergibt sich notwendig die zweite Frage:
  2. Was ist das für ein Gott, der so willkürlich ein Geschenk annimmt und ein anderes verschmäht!
  3. Dieses Aufbegehren gegen Gott aber greift zu kurz: Das Gottes-Bild bleibt dabei unangetastet. Es ist das kindliche Bild eines gütigen Vaters, der immer nur Geschenke bringt. Was das Leben uns lehrt, dass “Licht” nicht ohne “Nacht”, “Liebe” nicht ohne “Hass” und “Leben” nicht ohne “Tod” denkbar sind, bleibt bei diesem Märchen ungeklärt. Wir müssen erwachsen werden. Dabei wird auch das Gottes-Bild wachsen!
    Die einfachste Deutung wäre: Kain scheitert an der Reifeprüfung seines Gottes-Bildes!
    Statt diese schweren Fragen in Angriff zu nehmen, reagiert sich Kain an seinemBruder ab und lädt schwere Schuld auf sich!


4.
“Schwamm drüber!” ist keine Versöhnung auf die Verlass ist. Irgendwann brechen dieWunden wieder auf und das Verhältnis ist jäh zurückgeworfen: keine Reife in Sicht!


5. Liebe hat vier Seiten:

  1. “Urkraft” der Natur, die den Kosmos (und schließlich auch mich) hervorgebracht hat.
  2. “Lust”, die meine Eltern beflügelt hat.
  3. “Geist”, denn jeder Mensch strebt nach einer “Weltorientierung”, hat ein “Bild” dieser Welt, eine “Liebe zur Weisheit”, eine “Philosophie”, mag sie auch noch so dürftig sein.
    “Geist” und “Liebe” sind im tiefsten Grund eins.
  4. “Geschenk”: die schenkende Liebe, Agape, die sich am klarsten in der “Feindesliebe” zeigt.

“Wahre Liebe” ist nur dann erreicht, wenn alle diese vier Seiten vereinigt sind.
Zur Vertiefung sei auf die beiden Schriften verwiesen

  • “Was ist Liebe?” und
  • “Was ist Wahrheit?” www-praxis-thaller.de


6.
Ein “innerer” Auftrag ist ein Auftrag, der im Wesen der Sache selbst begründet ist, also nicht erst von außen an sie herangetragen zu werden braucht. Wer die Liebe, die ihn hervorgebracht nicht weiter schenkt, z.B. ein Säugling, der nur an sich denkt und die Mutter erbarmungslos leer pumpt, der hat vom Wesen der “Liebe” noch nichts begriffen. Das ist dann Sache der Eltern, ihn in dieses Wesen Schritt für Schritt einzuführen!
Das gilt für alle Lebensbereiche: Ach wie oft sind wir Säuglinge!


7. Siehe dazu “Wesentliches Christentum”(www-praxis-thaller.de)


8. Weidelener, zitiert nach Höppl, B., Das Nachtgespräch mit Nikodemus. Urtext, Übersetzungen, Kommentar und Medikationen zum Johannes-Evangelium 3,1 - 21.


9. Legende vom toten Soldaten

Und als der Krieg im vierten Lenz
Keinen Ausblick auf Frieden bot
Da zog der Soldat seine Konsequenz
Und starb den Heldentod.

Der Krieg war aber noch nicht gar
Drum tat es dem Kaiser leid
Daß sein Soldat gestorben war:
Es schien ihm noch vor der Zeit.

Der Sommer zog über die Gräber her
Und der Soldat schlief schon
Da kam eines Nachts eine militärische
ärztliche Kommission.

Es zog die ärztliche Kommission
Zum Gottesacker hinaus
Und grub mit geweihtem Spaten den
Gefallnen Soldaten aus.

Der Doktor besah den Soldaten genau
Oder was von ihm noch da war
Und der Doktor fand, der Soldat war k. v.
Und er drückte sich vor der Gefahr.

Und sie nahmen sogleich den Soldaten mit
Die Nacht war blau und schön.
Man konnte, wenn man keinen Helm aufhatte
Die Sterne der Heimat sehn.

Sie schütteten ihm einen feurigen Schnaps
In den verwesten Leib
Und hängten zwei Schwestern in seinen Arm
Und ein halb entblößtes Weib.

Und weil der Soldat nach Verwesung stinkt
Drum hinkt ein Pfaffe voran
Der über ihn ein Weihrauchfaß schwingt
Daß er nicht stinken kann.

Voran die Musik mit Tschindrara
Spielt einen flotten Marsch.
Und der Soldat, so wie er's gelernt
Schmeißt seine Beine vom Arsch.

Und brüderlich den Arm um ihn
Zwei Sanitäter gehn
Sonst flög er noch in den Dreck ihnen hin
Und das darf nicht geschehn.

Sie malten auf sein Leichenhemd
Die Farben Schwarz-Weiß-Rot
Und trugen's vor ihm her; man sah
Vor Farben nicht mehr den Kot.

Ein Herr im Frack schritt auch voran
Mit einer gestärkten Brust
Der war sich als ein deutscher Mann
Seiner Pflicht genau bewußt.

So zogen sie mit Tschingdrara
Hinab die dunkle Chaussee
Und der Soldat zog taumelnd mit
Wie im Sturm die Flocke Schnee.

Die Katzen und die Hunde schrein
Die Ratzen im Feld pfeifen wüst:
Sie wollen nicht französisch sein
Weil das eine Schande ist.

Und wenn sie durch die Dörfer ziehn
Waren alle Weiber da
Die Bäume verneigten sich, Vollmond schien
Und alles schrie hurra.

Mit Tschingdrara und Wiedersehn!
Und Weib und Hund und Pfaff!
Und mitten drin der tote Soldat
Wie ein besoffner Aff'.

Und wenn sie durch die Dörfer ziehn
Kommt's, daß ihn keiner sah
Soviele waren herum um ihn
Mit Tschingdra und Hurra.

So viele tanzten und johlten um ihn
Daß ihn keiner sah.
Man konnte ihn einzig von oben noch sehn
Und da sind nur Sterne da.

Die Sterne sind nicht immer da.
Es kommt ein Morgenrot.
Doch der Soldat, so wie er’s gelernt
Zieht in den Heldentod.


10. Krieg und Frieden.


11. Das Ehe-Ritual ist ein Witz, weil es heute fast immer zu spät kommt. D.h. die tiefste Tat desMenschen, die mit Leben und Tod zu tun hat und jeden Einzelnen rettungslos überfordert, geschieht in der Regel an ganz unheiligen
Stätten, so zwischen Betten und Büschen und ohne jede Andacht, die der Größe dieser Tat angemessen wäre! Wir rennen den Fakten nur noch hinterher! Wenn ein behindertes Kind zur Welt kommt, dann wird die “Privatsache” ganz schnell in eine “öffentliche Angelegenheit”, um die es sich von Anfang an handelt, verwandelt!

Das Todes-Ritual bewegt die Seelen nicht mehr. Es stammt aus einer Zeit, die nicht mehr ist. Mit versteinerten Gesichtern stehen die Trauernden vor den Gräbern. Die Trauer-Arbeit findet in den Praxen statt, auf dass die Therapeuten satt werden! Es fehlt am Ritual, das der Realität gerecht würde. An ein “Leben nach dem Tode” glaubt im Abendland niemand mehr!


12. Vom Standpunkt des Mediators hat die “Klage” Vorrang, damit er überhaupt weiß, worum es geht.
Wenn ein Mediator aber nicht in Sicht ist, dann ist es klüger, mit dem “Bekenntnis” zu beginnen, denn es nimmt dem andern den Wind aus den Segeln und stachelt ihn an, seinerseits zu “bekennen”.
Das ist gar nicht sicher. Ich habe “Versöhnungen” erlebt, wo ich – sehr einseitig – “Schuld” bekannt habe, dass ich laut geworden bin, als ich zum wievielten Mal unterbrochen worden bin. Dann schwieg ich, um dem andern Gelegenheit zu seinem Schuldbekenntnis zu geben. Statt dessen kam – nach einer Pause – die lapidare Aussage, der andre habe gar nichts zu entschuldigen! Als ich – bei diesem Maß an Blindheit – nur noch ins Schweigen verfiel, frug mich der Gerechte, warum ich denn schwiege. Ich sagte wahrheitsgemäß, dass ich traurig bin. Darauf die Antwort: “Ich war auch schon oft traurig!” Hier erübrigt sich jedes Gespräch. Bei diesem Grad an Borniertheit ist keine gemeinsame Versöhnung möglich.
Sie kann aber dennoch geschehen: als einseitige Tat: kraft des Gottes der Liebe, dem wir das Opfer ganz einseitiger Versöhnung gerne bringen, weil seine einseitige Tat, am Kreuz für seine Peiniger zu beten, jedes erdenkliche Maß weit überschreitet!


13. es sei denn, dass dabei ein Kind gezeugt wird. Dann ist das ein natürlicher Vertrag, der von beiden Eltern sozusagenmit ihrem Blut unterzeichnet ist.Wenn dieser Vertrag heute so wenig Verbindlichkeit hat, dann liegt dies daran, dass “existentielles” Denken, d.h. das Denken in den Dimensionen von “Sein” und “Nichtsein” kaum vorkommt. Meistens denken wir nur in “Eigenschaften”. Wesentliches Denken unterrichtet die Schule nicht.

Aber auch wenn ein Kind gezeugt wird, dann ist diese Versöhnung nie so eindeutig wie ein sprachlicher Vertrag.
Sie kann ja immer als reine Triebhandlung ausgelegt werden!


14.
Nicht umsonst sind die ältesten Sprachdenkmäler Verträge!


15.
Meine Mutter konnte sich nicht entschuldigen. Sie tat Buße und buk einen Kuchen. Auch gut!
Wenn aber der Fehler immer und immer wieder geschieht, dann ist es aus mit dem Kuchenbacken. Dann schreiten wir zum schriftlichen Vertrag und legen – im gegenseitigen Einvernehmen – fest, welche Bußen bei abermaligen Verstößen zu tun sind: bis zur Schmerzgrenze, bis zu einemöffentlichen Bekenntnis auf einemvielbesuchten Platz!
(Wenn dem Übeltäter das Lachen dabei vergeht, dann ging die Strafe zu weit!)


16.
Die ältesten Zeugnisse deutscher Sprache sind Zauberformeln: die “Merseburger Zaubersprüche”. Mein Werk im Werden “Was bleibet aber, stiften die Dichter. Archetypische Gedichte.” widmet dieser Bewandtnis einen Gedanken. Es kann gegen eine Kopie-Gebühr in der Praxis erstanden werden.


17.
Sprache hat hier, wie Linguisten sagen, “performativen Charakter”.


18.
Diese existentielle Dimension des Denkens hat die herrschende Psychologie noch nicht begriffen! Das nehme ich zur Kenntnis.


19.
Rilke ist am 20. Juni, nahe dem Mittsommertag 1914, in einer ähnlichen Krisis, d.h. “Ent-scheidung”, gestanden: zwischen kalter und liebender Erkenntnis, zwischen reinem “Anschaun” und “Herz-Werk”.

Denn des Anschauns, siehe, ist eine Grenze.
Und die geschautere Welt
will in der Liebe gedeihn.

Werk des Gesichts ist getan,
tue nun Herz-Werk
an den Bildern in dir, jenen gefangenen; denn du
überwältigtest sie: aber nun kennst du sie nicht.
Siehe, innerer Mann, dein inneres Mädchen,
dieses errungene aus
tausend Naturen, dieses
erst nur errungene, nie
noch geliebte Geschöpf.

aus: “Wendung”, Werke in drei Bänden, Frankfurt a. M. 1966, Bd. II, S. 82ff.

Am 28. Juni wird das österreichisch-ungarische Thronfolger-Paar in Sarajewo ermordet. Am 28. Juli erklärt Österreich-Ungarn Serbien, am 1. August Deutschland Russland den Krieg: Welt-Krisis, die der Dichter auf wesentliche Weise wahrgenommen hat!


Die Wende von kalter “Erkenntnis” zur “Liebe” ist offenbar die entscheidende Krise im Schaffen dieses Dichters, die sich gleichzeitig mit einer welthistorischen Krise ereignet hat.

Das Gedicht entstammt dem geistigen Umkreis der Elegien. Es wird immer ein Rätsel bleiben, warum diese wesentliche Elegie nicht in den Reigen aufgenommen worden ist. Ist das Gedicht zu zart? Will es geschützt werden,
wie “des Hauses Kleinod” vor der Öffentlichkeit, “dem fremden Gaste” verborgen bleiben soll? (Frei nach Hölderlin, “Der Einzige”?)

Das “innere Mädchen” ist die “Seele”. Sie ist in fast allen Sprachen, die ich kennengelernt habe, weiblichen Geschlechts: in den germanischen (Seele), romanischen (anima) und slawischen Sprachen (duše) sowie im Griechischen (πν μα). Sie ist sogar in jenen Sprachen weiblichen Geschlechts, die weitgehend auf die Differenzierung verzichtet haben, wie das Englische (soul) und das Schwedische (själ).

Eine Ausnahme in der indogermanischen Sprachenfamilie bildet das Rumänische. Hier heißt “Seele” suflet und ist sächlichen Geschlechtes. Sicher kommt es von flare “hauchen”, “hauchen”, wie anima, spiritus und πν μα .
Das Lateinische kennt sowohl animus wie anima.
Was ist der Sinn dieser Vielfalt?
Animus ist jener Teil der (weiblichen) Seele, der fähig ist, den immer männlichen Geist, Spiritus, zu empfangen.
Animus ist der “menschliche” Geist. Spiritus dagegen ist der “göttliche” Geist! Geist ist “Geschenk” und nie “Besitz”! Er muss in jedem Augenblick errungen und erneuert werden!

Eine eher lustige Geschlechterproblematik ergibt sich, wenn sich die (weibliche) Seele eines Mannes mit der “Weisheit”, Sapientia, Sophia, einer anderen weiblichen Wesenheit, ehelich vereinigen soll - und zwar in der bildenden Kunst, die auf eine ganz andere Weise als die Sprache sinnlich konkret werden muss!
Die Hochzeit Heinrich Seuses, eines Schülers vonMeister Eckhart, mit der “Weisheit” bedient sich zur Darstellung dieser problematischen Beziehung der Ikonographie der Verkündigung. Seuse nimmt dabei den Platz von “Maria”
ein und die Weisheit den Platz von “Gott Vater”. Das Christuskind stärkt  Heinrich in jeder Beziehung den Rücken.
Vor ihm macht das Lamm Gottes unmissverständlich auf das “Opfer”, das dieses Weib fordert, aufmerksam. Ein Blumenkranz als modifizierter Heiligenschein ist nötig, um für eine solche Beziehung gewappnet und geadelt zu sein! (Holzschnitt Nr. 81, Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg). Näheres dazu: Šebková-Thaller, Z., Jan van Eycks Selbstzeugnisse und das Buch der Weisheit, Konsthistorisk Tidskrift, Stockholm, 1991, LX, 1, S. 1 - 8).

Kunst der Versöhnung

20. Jakobus 1, 22:

Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein, wodurch ihr euch selbst betrüget.
Estote autem factores verbi, et non auditores tantum: fallentes vosmet ipsos
γίν σ δ ποιητα λόγου, α μ μόνον κ οατα πα αλογιζόμ νοι αυτούς


21. Diese Reifung vom Lamentieren zur schlichten Klage ist eine Verdichtung und hat in der Literatur ein großes Vorbild. Eines der größten Gedichte deutscher Sprache hat mit einem langen Parlando begonnen und ist immer dichter geworden. So wirkt es heute noch:

Der römische Brunnen (1882)

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.

C. F. Meyer

Die alten Fassungen sind “kalte Kaffee”, gemessen an diesem Jahrtausend-Gedicht!
Darum: Fasse dich kurz!

Rom: Springquell (1860)

Es steigt der Quelle reicher Strahl
Und sinkt in eine schlanke Schal'.
Das dunkle Wasser überfließt
Und sich in eine Muschel gießt.
Es überströmt die Muschel dann
Und füllt ein Marmorbecken an.
Ein jedes nimmt und gibt zugleich
Und allesammen bleiben reich,
Und ob's auf allen Stufen quillt,
So bleibt die Ruhe doch im Bild.

Der schöne Brunnen (1864)

In einem römischen Garten
Weiß ich einen schönen Bronnen,
Von Laubwerk aller Arten
Umwölbt und grün umsponnen.
Er steigt in lichtem Strahle,
Der unerschöpflich ist,
Und plätschert in eine Schale,
Die golden wallend überfließt.

Das Wasser flutet nieder
In zweiter Schale Mitte,
Und voll ist diese wieder,
Es flutet in die dritte:
Ein Geben und ein Nehmen
Und alle bleiben reich.
Und alle Stufen strömen
Und scheinen unbewegt zugleich.

Der Brunnen (1865)

In einem römischen Garten
Verborgen ist ein Bronne,
Behütet von dem harten
Geleucht der Mittagssonne,
Er steigt in schlankem Strahle
In dunkle Laubesnacht
Und sinkt in eine Schale
Und übergießt sie sacht.

Die Wasser steigen nieder
In zweiter Schale Mitte
Und voll ist diese wieder,
Sie fluten in die dritte:
Ein Nehmen und ein Geben,
Und alle bleiben reich,
Und alle Fluten leben
Und ruhen doch zugleich

Der Brunnen (1869)

Der Springquell plätschert und erfüllt
Die Schale, daß sie überfließt;
Die steht vomWasser leicht umhüllt,
Indem sie's in die zweite gießt;
Und diese wallt und wird zu reich
Und gibt der dritten ihre Flut,
Und jede gibt und nimmt zugleich,
Und alles strömt und alles ruht.

Der römische Brunnen (1870)

Der Springquell plätschert und ergießt
sich in der Marmorschale Grund;
die, sich verschleiernd, überfließt
in einer zweiten Schale Rund.

Und diese gibt, sie wird zu reich,
der dritten wallend ihre Flut,
und jede nimmt und gibt zugleich
und alles strömt und alles ruht.


22. Althochdeutsch sahhan heißt “streiten”.


23. “unter Umständen” ist ein alter Rechtsbegriff und bedeutet wörtlich das Zeugnis derer, die sich im Kreis versammeln um eine Rechtshandlung zu bezeugen. Dô hiez man zuo dem ringe die stolzen Burgonden stân (NL 859,4, ähnlich 614,3). Rinc ist der “Umstand”: “Da forderte man die stolzen Helden aus Burgund auf, einen Ring zu bilden”, um die Rechtshandlung der Eheschließung zwischen Siegfried und Kriemhild (614,3), bzw. der eidesstattlichen Erklärung Siegrieds, dass er sich nicht der Entjungferung Brünhilds gerühmt habe (859,4), zu bezeugen.


24. Ohne jeden Zweifel haben sich meine Eltern geliebt, sonst wäre ich nicht. Auch deren Eltern haben sich geliebt, haben gezeugt und empfangen. Über die Art dieser Liebe steht mir kein Urteil zu!


25. Papst Francesco hat es vorgemacht. Er ist in die Gärten gegangen, die Gott aus seinemÜberfluss geschenkt hat und hat Ihn zusammen mit den zerzankten Parteien um Frieden gebeten!
Der Frieden hat nicht lange angehalten.
Dies beweist bis zur letzten Gewissheit, dass beide Parteien entweder den falschen Gott anbeten, oder dass ihr Gebet nicht aufrichtig war, was fast das selbe ist, denn Gott ist ein Gott der Gegenwart. Er wird im Augenblick geboren! (Meister Eckhart)

Die beiden Parteien huldigen einer Rache-Religion.

Durch Rache ist aber noch nie Frieden geschehen!

Sie müssten die Freiheit haben, aujs ihren Schriften “Rache” zu streichen: bis in die feinsten Nuancen, bei den Christen z.B. größte Teile der Apokalypse und dasMärchen vom armen Lazarus und dem reichen Prasser, wo sich das Jenseits als Rache-Reich entschleiert!


26. Im Unterschied zur herrschenden Psychologie, wo alles “Ansichtssache” ist, und die für alles Verständnis aufbringt, auch für die Leugnung des eigenen Ursprungs, haben wir in der “Liebe” einen festen Boden gefunden, dem sich jedes “Gefühl” und jede “Ansicht” unterzuordnen hat: Auch Gefühle können lernen, denken wir nur an die sog. “Erbfeindschaften”!

Was für den “Hass” gilt, gilt auch für seine lichte Schwester, die “Liebe”!

Die Behauptung eines Absolutum klingt autoritär und scheint der “Liebe” zu widersprechen.

Aber das scheint nur so. Der Gedankengang ist formal richtig - aber sinnlos:
Wenn Christus in der Tat die “Liebe” zum obersten “Gesetz” macht, dann verwandelt die “Liebe” zuallererst den Sinn und die Folgen dessen, was wir mit “Gesetz” meinen. Von diesem Augenblick an ist Gesetz nicht mehr “Gesetz im alten Sinne”. Dann kann eben nicht mehr gesteinigt werden, wie Christus das weise und witzig wahr gemacht hat: “Auch ich verurteile dich nicht!”

Dass Jahrtausende es umgekehrt angestellt und aus der “Liebe” brutales Gesetz gemacht haben, dass Hunderttausende im Namen der “Liebe” gefoltert und vernichtet worden sind, ver-“danken” wir gerade diesem irrsinnigen Missverständnis, demauch der Leser dieser Zeilen zum Opfer gefallen ist, sofern er allen Ernstes in der Forderung, die “Liebe” als oberste Autorität anzuerkennen, irgendetwas “Autoritäres” im herkömmlichen Sinne wahrgenommen hat!

Die Forderung, “Liebe” als oberste Gottheit anzuerkennen, heißt nichts anderes als “anzuerkennen, was ist!”

Aber in unseremdemokratischen und psychologischen Relativismus, wo alles “Ansichtssache” und keine “Ansicht” besser oder höher als die andere ist, gibt es zweifellos ein Absolutum. Es heißt “Wissenschaft”. Wer sich in einen offenkundigen Konflikt mit der “Wissenschaft” begibt, riskiert, nicht mehr ernst genommen und vielleicht sogar für therapiebedürftig erklärt zu werden!

“Wissenschaft” wird heute mit “Wahrheit” verwechselt.
“Wahrheit” sucht die Ursprünge des Denkens. “Wissenschaft” sucht keine Ursprünge. Sie geht von einigen Dogmen aus, die in Frage zu stellen einem Sakrileg gleichkommt. Das macht Wissenschaft im höchsten Sinne zur “Ansichtssache”, nämlich zu der Ansicht,

  • dass es letztlich um “Beherrschung” geht, und diese nur funktionieren kann,
  • wenn die eineWelt in zwei Teile zerfällt: in “Herrscher” und “Beherrschte”, in “Subjekt” und “Objekt” und dass in dieser Welt
  • alle Augenblicke, alle Orte der Erde und alle Menschen grundsätzlich gleichwertig sind, wo wir doch auf Schritt und Tritt das gerade Gegenteil wahrnehmen: dass kein Ort wie der andere, kein Augenblick wie der andere, kein Mensch wie der andere ist!

Der Mensch wird in der Wissenschaft als “Subjekt” vergewaltigt.
“Subjekt” aber ist er nur aus einem extrem engen Blickwinkel und nicht etwa “von Natur aus”! Er ist nicht einfach “Subjekt”, sondern der Ort, wo diese Welt” entworfen wird, auch in ihrer entstellten Form der Spaltung in eine Welt der “Subjekte” und eine Welt der “Objekte”.

Da wir heute alle Wissenschafts- und Technikaffen sind, die in einem großen Räderwerk sinnlos vor sich hin funktionieren oder auch nicht, haben wir gelernt, unsere einfachsten Instinkte auszuschalten und empfinden “Liebe” als etwas “Subjektives”, die Reduktion des Denkens und Empfindens auf biochemische Prozesse dagegen als “objektiv”! Mehr dazu Michael Ende in seiner Rede anlässlich der Verleihung des “Großen Preises der Deutschen Akademie für Kinder und Jugendliteratur, Volkach 1980 ”, abgedruckt in Neue Sammlung. Zeitschrift für Erziehung und Gesellschaft, 21 (1981) 310 - 316. Dieses wichtige Zeugnis deutschen Geistes ist in meiner Praxis zu haben.

Wie sehr wir zu Technikaffen degeneriert sind, geht aus der Wertung hervor, die die Elektronik heute genießt.
Unsere Kinder verkommen vor Computern, Gameboys, Handys, Fernsehspots! Diese gezielten Geisteszerstörungsstrategien üben auf unsere Jungend eine Faszination aus, die auch nicht den Hauch einer Ahnung erkennen lässt, dass sie längst in dem System zu Ratten degeneriert ist, die mit dem letzten Rest Begeisterung, die in der Abstumpfung verblieben ist, ihr Geld in den Rachen ihrer Ausbeuter und Verächter wirft! Eine solche Verkehrung aller Werte wäre nicht möglich, wenn wir Erwachsenen nicht eine gewisse Ehrfurcht vor dieser menschenverachtenden Maschinerie hätten!


27. Die Kunst des Hörens ist noch viel seltener als die Kunst des rechten Sprechens. Michael Ende hat sie mit seiner “Momo” in Erinnerung gebracht.
Das Hören gilt es v.a. zu üben! Wir hören uns selber zu gern!
Wer sich weigert, dem Andern schweigend sein Ohr zu schenken, hat verspielt! Er lässt keinen Friedenswillen erkennen!


28. Die gröbsten Klötze entdecken plötzlich ihre Zartheit, um den andern in die Pfanne zu hauen!

18781
16.11.14
Isola Maggiora

Das Märchen von
“Monster” - und - “Mimose”

Ein Monster - und seine - Mimose,
die hatten - einander - so liev
ùnd auch Stácheln (wie jede - Ro-se!)
Die saßen - und fraßen sich - tief

ins Fleisch (des Andern!) - und riefen dort - große
Schmerzen - her-vor ! Da rief
mit Riesen-Getose - dìe Mi-mose
“Hilfe!” - und os-ten-ta-tiv

brach sie - die aus-sichts-lose
Ehe ! Wer ag-gres-siv
hier war, war klar: Die Dia-gnose
hieß : “Mi-mosen-Motiv!”

*

Der Segen - der E-he - hing - schief,
solange - die “Meta-morphose”
durch “Rache” - gànz ób-jek-tiv
verhindert war ! Das gran-diose

“Rindvieh” - hieß - dé-fini-tív
“Ego”! Es ruht - im Schoße
des Scheusals - in - uns ! Es - schlief
in Pandoras - prachtvoller - Dose!

Wir waren - gar so - naiv
und griffen - mit großer - Pose
ìn die Dose : Genau - so - verlief
das Märchen “Mi-monster - und seine Mon-strose”!

2,1 die hatten - einander - so liev:
Im Plattdeutschen heißt lieb “liev” und reimt sich also auf “tief”.
Das ist die originale Lesart der “Königskinder:

Et wassen twee Künigeskinner,
de hadden eenander so leef,
de konnen ton anner nich kummen,
dat Water was vil to breed.

(Annette von Droste-Hülshoff hat die Volksweise bewahrt!)
Sie scheint mir ein gutes Motiv!


29. Der Vermittler wird entscheiden müssen, welchem Aspekt der Vorzug zu geben ist: der Kürze des Ausdrucks oder dem Aspekt der unnötigen Anklage. Entscheidend ist die Wirkung auf den Andern. Enthält sich die Anklage der Entstellung, dann wird sie auch eher hingenommen: Die Wahrheit spricht für sich!


30. κρ ίττω δ α το (kreito de hautu) “stärker als er selbst” wird der Mensch genannt, insofern er die Gabe der Besonnenheit, σωφροσύνη (sophrosyne), hat, die ihn zur Herrschaft γκράτ ια (engkráteia) über die Lüste δον ν (hedonon) und Begierden πιθυμι ν (epithymion) befähigt. Platon, Der Staat, Buch IV, 430e. Dank an Sloterdijk “Du musst dein Leben ändern”, S. 260f


31. Beispiel: Ein Vater wird vor seinen Kindern gemaßregelt. Da dies seine Lebenwunde ist, erwartet er sich für die Verletzung eine Entschuldigung, erntet aber zu seinem Entsetzen eine Attacke, die seine Verletzung nicht ernst nimmt, sondern als “Lebenslüge” interpretiert.
Fassungslos über diese Entgleisung und Unfähigkeit, den einfachsten Streit anständig beizulegen, (obschon Opfer wie Täter therapeutisch tätig und dem christlichen Geist verpflichtet sind), eskaliert der Streit bis zu dem Grad, dass
nun auch das Opfer zur Axt und sich an der Ehre des Täters ver-greift.
Klar, dadurch macht auch er sich schuldig: Er hat das Gesetz der Liebe und Demut verletzt!
Aber die Mathematik des Täters, die Bisswunden eins zu eins aufzurechnen, bleibt sogar hinter der weltlichen Gerechtigkeit zurück!


32. Du bist, mit Heidegger gesprochen, vom “Kunstwerk”, das eine ganzeWelt eröffnet, zum “Zeug” abgeglitten, gebraucht und vernutzt worden.


33. Nicht umsonst heißt Philosophie “Liebe zur Weisheit”. An-dacht hat mit “denken” und denken mit “danken” zu tun! Die Unterscheidung zwischen “Philosophie” und “Religion” ist ein abendländisches Verhängnis, das der
Versöhnung bedarf. Beide entspringen demselben Verlangen, der Suche nach “Sinn”! Kunst ist ohne Kairós, d.h. ohne die Gnade des göttlichen Augenblicks, nicht denkbar. Kunst-fertigkeit kann durch unermüdliche Übung erlernt werden. Der Adel eines großen Kunstwerks aber ist - wie die Liebe - ein Geschenk des Augenblicks, das durch Übung in Demut vorbereitet, aber nicht erzwungen werden kann!


34. Der Lüge endloser Wiederholbarkeit verdanken wir eine ganze Reihe von Segnungen wie “Vertrautheit”, “Routine” und “Kunstfertigkeit”. Auch die Lebensbereiche der “Macht” und der “Ökonomie”, wie der Produktion billiger Güter, beruhen auf “Wiederholbarkeit”, d.h. auf der Annahme der “ewigen Wiederkehr des Gleichen”. Dass diese Bereiche “funktionieren”, sagt nichts über ihren Wahrheitsgehalt aus. Sonnenfinsternisse können auch unter der Annahme eines geozentrischen Weltbildes berechnet werden, ein Weltbild, von dem wir seit Kepler und Kopernikus meinen, es sei eine reichlich haltlose Annahme. Die Tauglichkeit zur Berechnung sagt wenig über den “Wahrheitsgehalt” aus! Es sagt nur, dass das System von Voraussetzung, Behauptung und Beweis in sich stimmig, d.h. richtig ist, nicht aber, wie gut gegründet die Voraussetzung ist! Sie kann völlig in der Luft hängen!

Mit den Grundentwürfen von “Einmaligkeit” und “Wiederholbarkeit” verhält es sich so wie Kant für die Erkenntnis im allgemeinen und Heisenberg für die Physik erkannte: Die Dinge zeigen sich so wie der Hinblick, unter dem sie betrachtet werden. Betrachte ich das kleinste Lichtteilchen als reine Schwingung, dann zeigt es sich als “reine Energie”. Betrachte ich es als Materie, dann zeigt es sich als “Materie”! Dass sich etwas unter bestimmten Voraussetzungen zeigt, sagt nichts über den Wahrheitsgehalt dieser Voraussetzungen aus! Es sagt nur, dass die Aussage in sich richtig ist! “Richtigkeit” und “Wahrheit” aber sind zwei grundverschiedene Wesensbereiche!

Im Falle der gegensätzlichen Weltentwürfe von Wiederholbarkeit und Einmaligkeit heißt dies:
Wenn ich die Dinge unter dem Hinblick der Wiederholbarkeit betrachte, zeigen sie sich als wiederholbar!
Wenn ich sie unter dem Hinblick der Einmaligkeit betrachte, zeigen sie sich in ihrer Einmaligkeit.

Diese Darstellung verleitet zu der Annahme, dass beide Hinblicke gleichwertig seien, als unterliege es meinem Belieben, bald den einen, bald den anderen zu wählen.

Wenn dem so wäre, gäbe es keine Berechtigung, den Alltag letztlich der Lüge zu bezichtigen.

Aber so ist es:
Wiederholbarkeit und Einmaligkeit sind keineswegs auf einer Ebene. Die Einmaligkeit entspringt meiner Grunderfahrung, dass ich ein Mal geboren bin, ein Mal lebe und ein Mal sterben werde, d.h. dass ich ein einmaliger Mensch bin im Unterschied zu einem Herdentier.
Auch meine Individualität hat ihre Wurzel in diesem Geheimnis, dass nur ich - an meinem Ort - zu meiner Zeit - “ich” sage und sonst niemand imweiten Weltall! Darum kommen meine Geburt und mein Leben und mein Tod nur mir zu in meiner Einmaligkeit!
Das ist der unantastbare Grund meiner Würde!

Der Hinblick der Wiederholbarkeit dagegen ist unvereinbarmit dieser Grunderfahrung. Er erniedrigt mich zu einem Tier.
Der Gedanke der Gleichheit ist ein Abkömmling der Wiederholbarkeit.
Ein Großteil der medizinischen Erkenntnis verdankt sich dieser Annahme, dass zwischenmeiner Leber und der aller anderen Menschen nur ein geringfügiger Unterschied besteht. Die Erniedrigung ist also zu Zeiten dringend nötig.
Aber es bleibt eine Erniedrigung, für die ich mich als Arzt eigentlich entschuldigen muss!

Im Bild einer Spirale wird dies klar:
Von oben betrachtet zeigt sie sich als Kreis. Die Windungen scheinen immer die gleiche Runde zu drehen.
Von jedemanderen Blickwinkel, und ganz besonders klar von der Seite betrachtet, zeigt es sich aber, dass sich jede Windung auf einer anderen Ebene dreht. Die Annahme der Wiederholbarkeit setzt einen extrem einseitigen Blickwinkel voraus. Sie duldet nicht, dass ich um den Gegenstand herumgehe und ihn von verschiedenen Seiten betrachte.
Frage: Was ist nun “wahr” und was ist (nur unter einem engen Blickwinkel) “richtig”?
Die Spirale ist übrigens eine Grundform des Lebens: Unsere Erbsubstanz ist spiralig geordnet.


35.
Paulus sieht das Verhältnis zwischen Mensch und Gott unter den beiden Hinblicken “Liebe” und “Gesetz”.
Das Alte Testament sei vom Gesetz her bestimmt, das Neue Testament von der Liebe.

Wenn Paulus sagt, dass die Liebe das Gesetz ablöst, dann heißt dies, dass die Liebe das Gesetz in einem höheren Sinn erfüllt und dadurch über-windet! Christus zeigt dies in der Bergpredigt, Math. 5, 21ff:

“Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: ‘Du sollst nicht töten; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein.’ Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnet, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Racha! der ist des Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr! der ist des höllischen Feuers schuldig.”

Die Liebe darf also nicht hinter das Gesetz zurückfallen! Die Zehn Gebote müssen selbstverständlich erfüllt werden.
Aber das genügt nicht. Liebe erfüllt das Gesetz in einem höheren Sinne.

Was Paulus vomVerhältnis zwischen Gott undMensch spricht, gilt, wenn wir Christus ernst nehmen, in besonderer Weise auch für jedes zwischenmenschliche Verhältnis.
Alle menschlichen Beziehungen können unter diesen beiden Blickwinkeln betrachtet werden: Liebe und Gesetz.
Am Arbeitsplatz dominiert das Gesetz. Aber ein guter Betrieb kann nicht ohne Zuneigung florieren!
Umgekehrt kann keine Familie ohne “Gesetz” auch nur über-leben, geschweige denn leben!
Für das Verhältnis zwischen Liebe und Gesetz gilt genau das Gleiche wie oben gesagt: Die Liebe muss das Gesetz übertreffen!
Wenn ein Kind seine Eltern schlechter behandelt als einen Arbeitgeber, dann ist hier etwas grundfalsch!


36. bei Männern: Ich benahm mich wie ein frostiger Fürst, bei dem es gilt, ...


37.
Athene goss in ihr Herz ein unauslöschliches Lachen!! Homer Odyssee, Buch XX


38.
Tschechisch chodit heißt “gehen”, d.h. ein Wort für das große Bedeutungsfeld von “Weg”. Sinn heißt ja auch “Weg”. Somit ist Sinnsuche der “Weg zu Gott” als meinem Ursprung, zu meinem wahren Ich. Das Ego darf zwanglos als “Satan” angesprochen werden.


38.

Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke

Die “Stäbe” sind die Vorstellungen, die uns gefangen halten. Wir müssen sie überwinden: sonst hören wir auf zu sein!


39. Aphrodite ist volksetymologisch bei den Griechen von a-phronos, “hirnlos” abgeleitet worden: bei diesem geistigen Volk ein vernichtendes Urteil!


40. Philía (φιλία) und philótes (φιλότης) sind zwei weitere Begriff der Liebe, wenn auch mit verschiedener Schattierung. Philia ist Bestandteil der “Philosophie”, der “Liebe zur Weisheit”. Philotes kommt als Urkraft des Weltalls, vergleichbar mit Hesiods “Eros”, bei Empedokles vor:

–λλοτ μ ν Φιλότητι συν ρχóμ ν’ ς ν παντα,
λλοτ δ’α δίχ’ καστα φορεύμενα Ν ίκ ος χθ ι.

Bald vereinigt sich alles durch Liebe zu Einem,
bald auch trennen sich wieder die einzelnen Stoffe im Hasse des Streites.

Diels, H., Die Fragmente der Vorsokratiker, hsg. v. Kranz, W., Zürich, Hildesheim, 19856, Bd. I, S. 316, ΠΕΡΙ ΦΥΣΕΩ, Fragment 17.

Agape (•γάπη), die schenkende, christliche Liebe krönt und rundet diesen “Liebesreigen” ab!


41. Friedrich Nietzsche, Ecce homo, Warum ich so klug bin, Aphorismus 4


42. Faktum habe ich - wie alle Etymologen - von facere “machen” her verstanden und nicht von fieri “werden”.
Welten liegen zwischen “machen” und “werden”: Freiheit und Versklavung!


43. Genitivus subjectivus. Die Lichtung des Chaos ist die Einräumung des Raumes. Platon hat Chaos als “leeren Raum” interpretiert! (Hesiod, Theogonie).