Nahrung und Genesung - eine sprachliche Betrachtung

Genesen und nähren haben dieselbe Wurzel, nämlich *nes. Nähren steht zu genesen in der Beziehung eines Bewirkungswortes („Kausativ“, auch „Fakti-tiv“ genannt). Die Folge des Nährens ist das Genesen. Nähren bewirkt Genesen. Genesen und Nähren haben also dieselbe Beziehung wie Stellen und Stehen: Stellen bewirkt Stehen.

Aus der Wurzel *nes entspringt eine phantastische Wortfamilie:

Althochdeutsch gin‘san heißt “am Leben bleiben, von einem Kinde entbunden werden”. Geburt war (und ist!) ein lebensentscheidendes Ereignis! Noch Thomas Mann bedient sich in seinem Roman “Joseph” der altertümlichen Redewendung: “Rachel werde ... eines Sohnes genesen.” Althochdeutsch nerian heißt “retten”. Nara heißt “Heil” und “Nahrung”.

Im Petruslied heißt es:

Unsar trohtin hat farsalt   sancte Petre giwalt (Unser Herr hat dem heiligen Petrus die Macht verliehen),
daz er mac ginerian ze imo dingenten man (den zu retten, der auf ihn hofft).
Kyrie eleyson, Christe eleyson (Herr erbarme dich, Christus erbarme dich).
Er hapet ouh mit wortun   himilriches portun (Seinem Wort untersteht auch der Eingang ins Himmelreich).
Dar in mach er skerian  den er wili nerian (Da kann er einlassen, den er zu retten gedenkt).
Kyrie eleyson, Christe eleyson (Herr erbarme dich, Christus erbarme dich).


Im gleichen Sinne heißen gotisch nasjan “retten” und nasjands “Heiland”.

Niederländisch geneesheer heißt “Arzt”. Arzt ist also einer, der “Genesung” bewirkt, so wie der Tischler den Tisch. Eingedeutscht ist also der Arzt der “Geneser”, der “Gesunder”, der “Heiler”, also das ausführende Organ des Wunders der Heilung![i]

Was täte der Arzt ohne den “Mutterboden”, die “Materie” (sie kommt von mater, “Mutter”) der Natur! Sie trägt auch schon das Ziel, die causa finalis, nämlich die Genesung, als Wiederherstellung der Ganzheit, des “Heils”, in sich und weiß auch das “Wie”, d.h. die Form, z.B. Fieber bei Krebs! Der Arzt muss nur diese naturgegebenen Fakten würdigen, dann kommt er leichter zum Ziel.

Die altindischen N~saty~u waren die “Götterärzte”, die “Heiler” und “Retter”: Begriffe aus dem sakralen Bereich der “Erlösung”. Vermutlich gehört auch das altindische nímsate, “küssen” zu dieser Familie, als Versöhnung, d.h. als Heilen, Einswerden nach der krankmachenden Spaltung eines Streites, der zu jeder Gemeinschaft gehört..[ii]

Im Griechischen wird die Wurzel *nes in “Heimkehr”,  (nóstos), zu (néomai) (glücklich wohin)“ gelangen, davonkommen, (glücklich) heimkehren” verwandelt. (néstor), “der glückliche Heimkehrer”, ist ein weiser und wortgewandter Held der Ilias und Odyssee. In seinem Namen ist der ganze Sinn der Odyssee verschlüsselt. Nestor wurde sehr alt und ist auch in unsere Sprache als Nestor eingegangen: Der “Nestor” ist ein Vertreter seines Fachs, der sich durch Alter, Erfahrung und Weisheit auszeichnet. Der alte Issels z.B. darf als “Nestor der biologischen Krebstherapie” bezeichnet werden. Auch (naio), “wohnen” gehört vermutlich zu dieser Wortfamilie.

“Nahrung”, “Genesung”, “Heimkehr”, “wohnen”, “Kuss” und “Geburt” gehören zur weitreichenden Bedeutungsfamilie der indogermanischen Wortwurzel *nes. “Genesung” ist Heimkehr in eine ursprüngliche Einheit, die durch rechte “Nahrung” bewirkt wird.

Außer diesem wesentlichen Wink, den wir durch Hinhören auf unsere Sprache verdanken, sollte uns noch ein einfaches biochemisches Grundwissen zu denken geben:

Alle Nahrungsmittel gehen in unseren Stoffwechsel ein. Wir unterscheiden einen „Strukturstoffwechsel“ von einem „Energiestoffwechsel“.

Der „Energiestoffwechsel“ dient der Energiegewinnung. Der „Strukturstoffwechsel“ dient der Erneuerung der Zelle und ihrer Umgebung. Die Zelle ist kein statisches, sondern ein dynamisches Gebilde: Auf- und Abbau halten sich die Waage.

Der „Strukturstoffwechsel“ bedeutet, dass alle Moleküle in regelmäßigen Rhythmen ausgetauscht werden. In einem Monat ist das gesamte Nervensystem erneuert!

Die Bausteine zu dieser Erneuerung sind zweifellos Nahrungsmittel. Wenn wir also „Dreck“ fressen, dann werden wir selber zu „Dreck“!

Das ist es: Ein großer Teil der heutigen Nahrung ist Unheil!

„Der Mensch ist, was er isst!“ (Ludwig Feuerbach, „Stammtischthese“)

Die Quellen dieser Wortforschung zu “genesen” und “nähren” sind:

  • Duden, Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in 10 Bänden.
  •  Grimm, Jacob und Wilhelm, Deutsches Wörterbuch
  • Kluge, etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache
  • Frisk, H., Griechisches etymologisches Wörterbuch, Stichwort
  • Conrady, K., Das große deutsche Gedichtbuch, Königstein 1978, S. 1, Petruslied
  • Heidegger, M., Die Frage nach der Technik, Gesamtausgabe, Frankfurt a. Main, 2000,  Band 7, Vorträge und Aufsätze, S. 8 (zu den vier Ursachen)

i ] Aristoteles nennt dies die “bewirkende Ursache”, die causa efficiens, im Unterschied zu den anderen drei Ursachen, die an der Entstehung eines Dings, z.B. einer Silberschale, beteiligt sind: das Material “Silber”, d.h. die causa materialis, dann die klar erkennbare gewölbte Form einer Schale, d.h. die causa formalis, und schließlich der Zweck, die causa finalis, dass sie nämlich dem Trinken, sei es im weltlichen oder religiösen Zusammenhang, dient. Diese anderen drei Ursachen sind heute vergessen. Wir erkennen nur noch die causa efficiens als eigentliche Ursache an. Das ist die Schmalheit unseres Denkens.


ii ]  Eine Bedeutungsparallele findet sich im Niederländischen zoen, “Kuss”. Es ist etymologisch verwandt mit unseren Wörtern “Sühne” und “Versöhnung”.