Stammzellen

Die Stammzell-Therapie ist der große Hoffnungsträger bei degenerativen Erkrankungen. Die autologe Stammzell-Therapie ist frei von allen ethischen Bedenken: Dem Kranken werden die eigenen Stammzellen entnommen und in vitro oder in vivo zur Differenzierung gebracht.

Die autologe Stammzell-Therapie als Heilversuch in therapeutischen Notlagen?

Arno Thaller

Dem Verfasser sind drei Verfahren bekannt:

  1. Stammzellen können aus der Haut gewonnen, mit monoklonalen Antikörpern gegen den Stammzell-Marker ABCB5 aufgereinigt und vermehrt werden.
  2. Monozyten können durch geeignete Differenzierungs-Medien in Organzellen verwandelt werden.
  3. Stammzellen können durch Zytokine in vivo mobilisiert und durch xenogene fetale Organzellen in vivo auch differenziert werden. Mit der ersten Variante verfügt der Verfasser über eigene Erfahrung. Bei Autoimmunerkrankungen ist die Toleranz-Erzeugung Voraussetzung für einen dauerhaften Erfolg. Die inhärente immunsuppressive Potenz der Stammzellen ist meistens nicht ausreichend. Die Vorbehandlung mit „tolerogenen“ (regulatorischen) Monozyten nach Fändrich weckt die Hoffnung, dass die Stammzell-Therapie auch bei entzündlichen Erkrankungen wie der Multiplen Sklerose von dauerhaftem Erfolg sein wird. 

Perspektive zur Altersentwicklung

Die Bevölkerung wird immer älter. Das scheint für unser Gesundheitssystem zu sprechen. Aber die Alterung setzt immer früher ein. Das höhere Alter ist also kein Lebensgewinn, son-dern verhinderter Tod. Ein Bekannter ist seit fünf Jahren hirntot durch ein Multi-Infarkt-Syndrom. Er wird durch eine Magenfistel zwangsernährt. Ein Denken, das keinen Sinn für den inneren Zusammenhang von Leben und Tod hat, verweigert ihm einen würdigen Tod. Sein unwürdiges Leben „bessert“ die Statistik und wiegt uns in dem Gefühl, ein gutes Gesundheitssystem zu haben. Während wir Milliarden investieren, um Menschen am Ende des Lebens den Tod zu verweigern, verweigern wir ihnen die Hoffnung auf ein würdiges Leben durch die Ablehnung der Stammzell-Therapie unter Hinweis auf einen haltlosen Wissenschaftsbegriff.

Die Gründe für das vorzeitige Altern sind bekannt, aber bei der gnadenlosen Struktur abendländischen Denkens nicht einfach zu beseitigen. Wir treiben Raubbau an der Natur: an der umgebenden wie an unserer eigenen. Wir werden ausgebeutet und beuten uns selber aus. Nach dem Stress am Arbeitsplatz kommt der Freizeit-Stress. Hinzu kommt eine steigende Gift-Belastung, die immer nur heruntergeredet, aber nicht wirklich beseitigt wird. Der Alptraum ist nicht leichtfertig zu verscheuchen, dass sich unsere Gesellschaft in ein riesiges „Behindertenheim mit betreutem Wohnen“ verwandelt.

Erkrankungsrisiken mit zunehmendem Alter

Die häufigsten degenerativen Erkrankungen befallen die Gelenke (Arthrosen), die Blutgefäße (Herz- und Hirninfarkt), die Haut (Altershaut, Haarausfall) und das Gehirn (Mb. Parkinson und Alzheimer) mit seinen Sinnesorganen Auge (Makula-Degeneration) und Ohr (Otosklerose). Sie sind Todesursache Nr. 1 und belasten das Versicherungssystem bis an die Grenze. Vorausblickende Regierungen investieren darum Milliarden-Summen schon aus wirtschaftlichen Überlegungen in die Stammzell-Forschung: die Chinesen 46 Mrd. €, die Süd-Koreaner mit ihren 50 Millionen Einwohnern 4,2 Mrd., allein Singapur 1,9 Mrd.(das sind 2,2% des BIP!), die Universität Harvard 420 Millionen! I1I

Chronisch entzündliche Erkrankungen

Auch die autoaggressiven Erkrankungen wie Gelenkrheuma, Lupus erythematodes, Sklerodermie, Hashimoto, juveniler Diabetes und Multiple Sklerose und die chronischen Virus-Infekte (Hepatitis B und C) führen schließlich zum Zelluntergang mit entsprechendem Funk-tionsverlust. Deshalb sind auch diese Krankheitsgruppen grundsätzlich Kandidaten der Stammzell-Therapie. Allerdings tut sich hier die Schwierigkeit auf, dass die zugrunde liegende Entzündung erst behandelt werden muss. Sonst erleiden die teuren Stammzellen das gleiche Schicksal wie ihre „Vorgänger“, so dass der Therapie-Erfolg nur sehr flüchtig ist, wie wir später sehen werden.

Die ethischen Bedenken

Gegen die Verwendung embryonaler und fetaler Zellen erheben sich schwere Bedenken. Die embryonalen Stammzellen setzen die Zeugung im Labor und den Abbruch eines geordneten Lebens voraus. Der In-vitro-Befruchtung und Desintegration des Keimlings im Achtzellstadi-um wird nicht ganz zu Unrecht mangelnde Ehrfurcht vor dem Wunder des Lebens zum Vorwurf gemacht. Der Hinweis auf die groteske Situation, dass Achtzeller besser geschützt sind als voll entwickelte Früchte im Alter von 12 Wochen, ist richtig, aber verrottet, denn er rechtfertigt ein Übel durch ein anderes.
Fetale Zellen könnten technisch und juristisch problemlos aus Schwangerschaftsabbrüchen gewonnen werden, wenn nur die Einwilligung der Mutter eingeholt wird.
Aber auch hier liegt ein Schatten über dem Tun: Die Gewinnung der Zellen setzt eine Tötung voraus. Der Hinweis, dass die Tötung durch den Verzicht auf die Stammzell-Gewinnung nicht hätte verhindert werden können, mag das Gewissen beruhigen. Er ist aber nicht gediegener als die Rechtfertigung des Fleischverzehrs mit dem Hinweis, dass das arme Schwein ja schon tot war, als der Kunde den Laden betrat. Mit jedem Fleischverzehr wird ein Tötungsauftrag gegeben und mit jeder Stammzell-Gewinnung aus Abtreibungsfrüchten wird auch diese Tat grundsätzlich bejaht! Wie ist uns zumute, wenn in China ein Dissident hingerichtet wird, und nach den Henkern kommen die Ärzte, um das arme Opfer, weil es sowieso tot ist, zur Ersatzteilgewinnung nutzbringend auszuschlachten!

Der goldene Weg: autologe Stammzellen oder allogene Nabelschnur-Stammzellen

Die Verwendung autologer Stammzellen ist dagegen erhaben über jeden moralischen Einwand. Ein weiterer Vorzug autologer Stammzellen ist die Unmöglichkeit einer Abstoßungsreaktion.
Adulte Stammzellen kommen in vielen Geweben vor, in Haut, Hirn, Darm, Leber, Keimdrüsen und Knochenmark. Am leichtesten erreichbar ist die Haut: Es genügt, ein spindelförmiges
Stückchen von 2x4cm herauszuschneiden und in einer Nährlösung mit einem Eilkurier an das Labor zu schicken. Das Exzidat wird zunächst mechanisch zerkleinert. Dann werden die Zell-verbände enzymatisch aufgelöst. Die Einzelzellen werden in Kultur genommen und zur Vermehrung gebracht. Nach mehreren Zyklen werden die Stammzellen mit einem Magnetteilchenbeladenen Antikörper gegen den mesenchymalen Stammzell-Marker ABCB5 selektiert und weiter vermehrt.
Von allen allogenen Stammzellen stehen die Nabelschnurzellen als einzige ethisch unangefochten da: Stammzellen sind nicht nur wenig immunogen. Sie sind sogar immunsuppressiv! Zwar sind nicht alle Nabelschnurzellen Stammzellen, aber ihre Zahl reicht aus, um ganze Nabelschnüre von der Abstoßung zu verschonen. Es ist ein Fall bekannt geworden, wo ein Stück Nabelschnur als Interponat zur Überbrückung eins fehlenden Harnleiterstückes verwendet worden ist. Trotz allogenen Ursprungs ist es nicht abgestoßen worden. Es ist vielmehr zu einem funktionstüchtigen Ureter umgebaut worden! 

Totipotenz, Pluripotenz, Multipotenz

Mit diesen Begriffen bezeichnet man verschiedene Grade der Verwandlungsfähigkeit. Die Zygote ist grundsätzliche totipotent. Aus ihr gehen ja alle spezifischen Organzellen hervor. Die embryonalen Stammzellen gelten als pluripotent und die fetalen als multipotent.
Eine scharfe Grenze zwischen Pluri- und Multipotenz gibt es nicht. Die Plastizität der Zellen ist aber größer als man früher dachte. So können die Stammzellen der Haut nicht nur Hautzellen regenerieren, sondern sich - in  geeigneter Umgebung - in jedes Gewebe differenzieren. Es gibt eine patentierte, grün fluoreszierende Maus. Wenn deren mesenchymale Stammzellen aus der Haut in eine Keimanlage gespritzt werden, dann können diese Zellen in allen Geweben wiedergefunden werden!

Die Plastizität somatischer Zellen, ihre Fähigkeit zur Transdifferenzierung

Auch somatische Zellen, die keine Stammzell-Charakteristika aufweisen, haben eine gewisse Plastizität, d.h. Transdifferenzierungskapazität. Das musste die Fachwelt nach anfänglichem Widerstand ja schließlich einsehen, dass aus Monozyten durch Zugabe von zwei Zytokinen, nämlich GM-CSF (Granulozyten-Makrophagen-Kolonie-stimulierendem Faktor) und IL-4 (Interleukin 4) in wenigen Tagen Dendritische Zellen entstehen.
Prof. Peters, nunmehr Emeritus der Universität Göttingen, ist diese geniale Entdeckung zu verdanken. Er ging aber noch weiter und behauptete, die Monozyten seien die „Stammzellen des peripheren Blutes“.
Für diese Behauptung musste er den Beweis antreten. In Einzelfällen ist es ihm auch schon gelungen, aus Monozyten Fettzellen und Osteoblasten  zu bilden, ja sogar Nervenzellen sind ihm gelungen. Das MPI konnte dies bestätigen!
Prof. Fändrich ist es gelungen, aus Monozyten Hepatozyten und Insulin-bildende Zellen zu produzieren. Deren Kapazität zur Insulin-Produktion ist zwar bislang nur ein Hundertstel der natürlichen Inselzellen, aber das kann ja durch die Verabreichung einer hundertfachen Zahl kompensiert werden, denn Monozyten sind in nahezu beliebiger Zahl durch Leukapherese aus dem peripheren Blut zu gewinnen. I2I

Das Problem der Stammzell-Therapie bei Autoimmunerkrankungen

Die allen Stammzellen innewohnende Fähigkeit zur Immunsuppression reicht im Falle einer Autoimmunerkrankung nicht sicher aus, um selbst autologe Stammzellen nach ihrer Differenzierung vor dem Selbstangriff zu bewahren, wie der Fall B.W. zeigt. Dieser Patient erkrankt mit 28 Jahren an Multipler Sklerose mit schubförmigem Verlauf. Zehn Jahre später kann er nur noch mit Gehböcken gehen. Bei Therapiebeginn mit autologen mesenchymalen Stammzellen aus der Haut ist er den größten Teil des Tages an den Rollstuhl gebunden und kann sich nur noch einmal am Tag etwa fünf Meter weit aus dem Rollstuhl bewegen. Im Laufe der Stammzell-Therapie lässt sich die Gehstrecke von 5 auf 100 m bessern Aber ein erneuter Schub lässt sich leider nicht verhindern. Er machte den ganzen Gewinn wieder zunichte.
Vor einer Stammzell-Therapie muss also die Autoaggression überwunden werden!
Dazu ist die ganze Spielbreite der biologischen Therapie erforderlich, von der Herdsanierung über die unspezifische zur spezifischen Entgiftung. In vielen Fällen gelingt das aber nicht, sei es, dass der Patient nicht mitmacht oder dass die Mittel nicht anschlagen. Fändrichs Entdeckung, dass durch Zugabe von ?-IFN und M-CSF (Makrophagen-Kolonie-stimulierenden Faktor) tolerogene Monozyten entstehen, die imstande sind, autoaggressive zytotoxische T-Zellen in die Apoptose zu treiben, eröffnet eine phantastische Möglichkeit, nicht nur die Stammzellen vor erneutem Angriff zu bewahren, sondern alle autoaggressiven Erkrankungen nahe an ihrer immunologischen Wurzel zu behandeln! I3I
Das Verfahren ist patentiert. Eine klinische Studie bei juvenilem Diabetes ist geplant. Wenn das gelingt, dann gehören Steroid- und Insulin-Therapie der Vergangenheit an!

Zwei denkbare Gründe für mangelndes Ansprechen:

  1. mangelnde Differenzierung,
  2. Untergang der differenzierten Zellen durch den zugrunde liegenden pathologischen Prozess

Zwar sind Stammzellen sehr wenig immunogen, aber im Laufe ihrer Differenzierung sind bei allogenen Stammzellen Abstoßungsreaktionen durchaus denkbar. Allogene Stammzellen tragen den genetischen Code fremder Transplantationsantigene in sich. Solange sie undifferenziert sind, werden sie keine Transplantationsantigene exprimieren. Aber je mehr sie sich differenzieren, umso eher ist es auch denkbar, dass sie sich ihrer „eigenen, ursprünglichen“ Identität besinnen und das Abwehrsystem des Wirtes provozieren.
Bei der Verwendung autologer Stammzellen  ist eine solche Abstoßung nicht denkbar. Aber der zugrunde liegende pathologische Prozess muss überwunden werden, wenn Therapie-Erfolg dauerhaft sein soll.
Das gilt nicht nur für autoaggressive Erkrankungen, wie wir gesehen haben, sondern auch für degenerative. Darum ist in jedem Fall die ganze Palette der biologischen Medizin erforderlich. Ein geglücktes Fallbeispiel: Eine Patientin erkrankt mit 80 Jahren an Mb. Parkinson. Nach fünf Jahren entschließen sich die Angehörigen zur Stammzell-Therapie mit autologen mesenchymalen Stammzellen aus der Haut. Zu diesem Zeitpunkt kann die Patientin nicht mehr selbstständig essen und trinken. Es bestehen erhebliche Startschwierigkeiten und eine beginnende Parkinson-Demenz. Am 07.04.06 erfolgt die erste Stammzell-Gabe i.v. Bereits am 10.04.06, also nach nur drei Tagen, kann die Patientin nun wieder den Löffel und eine schwere getöpferte Tasse selbstständig zum Mund führen. Die Startschwierigkeiten bessern sich: „Sie läuft nun locker weg“ und macht  täglich Spaziergänge von 1,5 km. Die Schnellig-keit des Wirkungseintritts ist pathophysiologisch schwer zu erklären. Aber das ist nicht das Problem des Praktikers. I4I  Am 26.06.06 erfolgt die 2. Stammzell-Gabe i.v. Daraufhin klart die Patientin geistig auf und erkennt auf ihrem Geburtstag alle alten Bekannten mühelos wieder.
ören Steroid- und Insulin-Therapie der Vergangenheit an!

Die autologe Stammzell-Therapie durch in vivo Mobilisierung und Differenzierung

Eine weitere phantastische Möglichkeit der Stammzell-Therapie ist die Mobilisierung durch wiederholte Gabe von GM-CSF bis zur dreifachen Erhöhung der Stammzellen im peripheren Blut, messbar durch das Epitop CD34. Als Differenzierungsreiz werden dann xenogene Zellen verabreicht. Dadurch entfällt die aufwändige Kultivierung.

Anmerkungen und Quellen

I1I Zahlen aus dem Jahr 2004

I2I Ruhnke, M., Ungefroren, H., Nussler, A., Martin, F., Brulport, M., Schormann, W., Hengstler, J., Klapper, W., Ulrichs, K., Hutchinson, J., Soria, B., Parwaresch, R., Heeckt, P., Kremer, B., Fändrich, F., Differentiation of In Vitro-Modified Human Peripheral Blood Monocytes Into Hepatocyte-like and Pancreatic Islet-like Cells, Gastroenterology 2005; 128: 1774 - 1786

I3I Fändrich, F., Die Therapie des juvenilen Diabetes mellitus mit autologen regulatorischen Monozyten, 41. Me-dizinische Woche, Baden-Baden 29.10.2007, Programmheft, S., 81, Karl F. Haug Verlag, Oswald-Hesse-Str. 50, 70469 Stuttgart

I4I Zur Klärung der medizinischen Grundbegriffe „Wirksamkeit“ und „Wirkungsweise“: Thaller, A., Das “Gute” und das “Wahre”: “Wissenschaft” und „Moral“ in der Heilkunst. Jubiläumsausgabe „100 Jahre Karl F. Haug Verlag“, Erfahrungsheilkunde 10/2003 S. 676 - 685