1.1. Erstes Dogma: Gott ist Liebe! (1 Joh. 4,16)
1.1.1. Liebe ist eine „Tat“ und keine „Theorie“!
1.1.2. Wir unterscheiden eine verlangende, haben-wollende Liebe, 1ἔϱως (Eros), von einer schenkenden Liebe, γάπη (Agape). Die höchste Liebe ist die schenkende. Ihr ordnet sich der Christ unter. Wer es nicht tut, schließt sich selber aus der Gemeinschaft aus.
1.1.3. Der christliche Gott ist also die Tat der schenkenden Liebe!
Es zeichnet den vielgescholtenen Papst vor allen seinen Vorgängern aus, dass er dem wahrhaft göttlichen Gedanken seine erste Epistel gewidmet hat. Damit hat er die Fähigkeit gezeigt, sich auf das Wesentliche zu besinnen!
Dieser Satz und dieser Sinn hebt das Christentum über alle anderen Weltreligionen, deren Gott zwar auch lieb sein kann, dessen Liebe aber immer an Bedingungen geknüpft ist, v.a. an Gehorsam. Das ist eine Charaktereigenschaft, die mit dem „Gesetz“ in nächster Beziehung steht!
Paulus aber hat sehr klar gesagt: Christus ist das Ereignis, dass „Liebe“ das „Gesetz“ übersteigt. „Liebe“ hebt das „Gesetz“ nicht auf, sondern erfüllt es in einem wesentlichen Sinn. In der Bergpredigt kommt dies unheimlich realistisch zum Ausdruck! (Mt. 5, 21ff)
Bei Juden und Muslimen ist dies entschieden nicht der Fall. Da wird eine Frau, die Ehebruch begeht, gesteinigt oder zumindest ausgepeitscht.i Bei Christus aber siegt „Liebe“ über „Gerechtigkeit“! (Joh. 8, 3ff)
i) Wenn das heute etwas lockerer gehandhabt wird, dann ist das ja ganz nett, aber es ändert nichts an der grundsätzlichen Rangordnung zwischen „Liebe“ und „Recht“. Solange die heiligen Schriften nicht korrigiert werden, werden sich Fanatiker mit vollem Recht auf sie berufen. Da wird Rache geübt und gnadenlos bestraft: Da schneidet der Gatte der Gattin Nase und Ohren ab, wenn sie die Freiheit sucht, statt sie in Liebe zu entlassen, wenn er ihr Herz verloren hat! Die angemessene Antwort auf diesen Wahnsinn ist nicht, die Gruppen in Afghanistan zu verstärken, sondern endlich den Frevel in den Heiligen Schriften zu tilgen: in den muslimischen, jüdischen und christlichen!
1.2. Zweites Dogma: Gott ist Mensch geworden.
1.2.1. Gott wird geboren, lebt und stirbt – und steht auf. Er tritt aus der „Ewigkeit“ in die „Zeit“.
Gott wird ein Geschehen und ist anwesend!
Ob das nur ein „Ausflug“ in die Zeit war mit Rückflug in die Ewigkeit oder ob es ein wesentliches, d.h. seinsgeschichtliches Ereignis und damit unumkehrbar ist, diese fundamentaltheologische Frage ist von tiefem Ernst, aber es darf die Christenheit nicht entzweien, denn das zweite Dogma ist und bleibt dem ersten untertan!
Es ist meine Erfahrung, dass zum Wesen der Liebe „Anwesenheit“ gehört. „Liebe“ und „Frieden“ geschehen entweder jetzt oder nie und dulden keine Vertröstung auf die Zukunft!
Aber es wäre verfehlt, diese Erfahrung zu einer Vorschrift zu machen. Ich kenne Menschen von größter Liebenswürdigkeit und Hingabe im Geist Christi, für die es keine Frage ist, dass Christus aus der Ewigkeit gekommen und in sie wieder zurückgekehrt ist und dass sie dereinst in diese Ewigkeit aufgenommen werden! Da ist das Leben eine Irrfahrt, die es möglichst unbeschadet zu meistern gilt, damit die glückliche Heimkehr in den himmlischen Hafen nicht gefährdet ist.
Das ist ein liebliches Bild, zu dem die meisten Europäer heute keinen Zugang mehr haben. An unserem Glauben an die Liebe ändert das nichts. Auf dieser Basis verstehen wir uns wunderbar, wenn wir auch sonst in ganz verschiedenen geistigen Welten leben.
1.2.2. Gott ist nicht nur in Christus anwesend. Er ist im „Nächsten“ anwesend. Weil jeder einen Nächsten hat und ein Nächster ist, ist er in jedem anwesend! Das ist der Clou des Christentums!
1.2.3. Zur Art der Menschwerdung (ihr quomodo)
Wie diese Geburt, dieses Leben, Sterben und Auferstehen, zu verstehen ist, das ist eine Frage an den Denker, aber kein Dogma, denn
Christentum ist, wie die Liebe, im Wesentlichen eine Praxis und keine Theorie:
Es ist die Tat der schenkenden Liebe! (i)
Sie geschieht hier und jetzt!
Das ist der Sinn, dass Gott Mensch geworden ist!
Liebe ist wesentlich auf die Gegenwart bezogen, im Gegensatz zum Gesetz, das sich in erster Linie auf die Zukunft bezieht. (ii) Darum sagt Meister Eckhart zu Recht: Got ist ein got der gegenwerticheit. (iii)
Dieser Tat der Liebe hat sich jede Theorie unterzuordnen. Sie wird allein durch ihr Vermögen gewertet werden, der Tat zu dienen! (vi)
In gleicher Weise hat das zweite Dogma dem ersten bedingungslos zu dienen!
Wenn dies klar ist, werden keine Kriege mehr im Namen der „Liebe“ geführt werden:
Ares und Eros sind ein für allemal geschieden! (v)
1.2.3.1. Die Menschwerdung Gottes mag historisch verstanden werden als „Christi Geburt“. (Lk. 1,26 – 38)
Christus wird dabei als konkrete Person definiert, die mit einem Pass oder einer Nummer versehen werden kann, wie das dem Herrscher Augustus bei seiner Volkszählung ja auch vorschwebte, d.h. wie ein objektivierbares Ding, das darüber hinaus noch mit göttlichen Attributen versehen wird, z.B. mit „Jungferngeburt“, „Allmacht“, „Allwissenheit“, „Allgegenwart“, „Unsterblichkeit“ und was sich die Menschheit in Bezug auf Gott so alles hat einfallen lassen!
Da wird nach Gott gegraben wie nach einer Reliquie, deren Echtheit von den Gläubigen beschworen und von den Ungläubigen bezweifelt wird. Beide kommen in ihrem dinglichen Gottesverständnis überein.
Das ist alles in Ordnung: sofern es der Tat der schenkenden Liebe dient! Es gibt Menschen, die lieben die Person Christus und tun ihr zuliebe alles. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden!
Für die meisten Menschen von heute aber ist die historische Deutung der „Menschwerdung Gottes“ eine Zumutung:
- für die breite Masse, denn sie glaubt heute – völlig unkritisch – an die „Wissenschaft“, ohne auch nur eine Ahnung von ihren Axiomen zu haben:
Wissenschaft“ ist der faktische Religionsersatz unserer Zeit!
Dies ist die wahre Sekte, der gegenüber jeder Okkultismus verblasst!
Will die Kirche heute überleben, muss sie sich mit dem Wesen der Wissenschaft auseinandersetzen, statt vor ihr auf dem Bauch zu lieben: Nicht Galileo Galilei gehört rehabilitiert, sondern Meister Eckhart. Der Wissenschaftler ist längst rehabilitiert – und widerlegt: Die Erde dreht sich sowenig und soviel um die Sonne wie die Sonne um die Erde! Beide Standpunkte sind – physikalisch gesehen – gleichwertig. Zugunsten des geozentrischen Weltbilds lässt sich immerhin sagen, dass ein ruhender Beobachter auf der Sonne sehr leicht ins Schwitzen käme! Das ist ein sehr gekünstelter Augpunkt! - für geistige Menschen ist die historische Deutung der Menschwerdung eine Zumutung, weil ihnen die Verdinglichung Gottes ein Gräuel und gottloser Gedankengang von Anfang an ist!
Der hartnäckige Rest an Christen, der durch solche Geschichten nicht verprellt worden ist, glaubt großenteils tatsächlich an den historischen Sinn der Menschwerdung Gottes in Christi Person!
„Liebe“ zu personifizieren ist keineswegs falsch. Es ist so statthaft, wie Wahrheit als „Weib“ zu allegorisieren: solange mir klar ist, dass es sich um eine Versinnbildlichung handelt und „Wahrheit“ wie „Liebe“ im Wesen doch etwas Anderes sind als sinnlich sichtbare Gestalten!
Die wörtlich-historische Deutung ist also völlig in Ordnung, sofern sie der Tat der schenkenden Liebe dient!
Ein Blick aber in heutige Kirchen beweist bis zur trostlosen Gewissheit, dass das Christentum gerade in der Praxis völlig verarmt ist!
1.2.3.2. Die Menschwerdung Gottes mag allegorisch verstanden werden: als heilsgeschichtliches Ereignis, dass nach dem „Zeitalter des Gesetzes“ das „Zeitalter der Liebe“ anbricht, wie Paulus das dargestellt hat.
Himmel und Erde begegnen sich in einem hochzeitlichen Geschehen: Der „Geist“ und die „Demutsmadonna“ als Erdenmutter (mater humilitatis) feiern Heilige Hochzeit, ein Thema, das ein ganzes Zeitalter begeistert hat: Das Hohelied war im Mittelalter das meistgedeutete Buch im Buch der Bücher!
Die allegorische Deutung begibt sich in keinen Konflikt zur Wissenschaft. Gott wird nicht mehr verdinglicht, denn Liebe ist kein „Ding“. Nur ein Dummkopf versucht, sie an „Personen“, „Gefühlen“ und „Hormonen“ festzumachen!
Diese Deutung begibt sich nur noch in den unerträglichen Konflikt zwischen „Anspruch“ und „Wirklichkeit“! Der treue Rest Christen muss sich den Vorwurf gefallen lassen: „Werdet nun aber Täter des Wortes, factores verbi, πoιητα λόγoυ, und nicht Hörer allein, wodurch ihr euch selber betrüget!“ (Jak. 1, 22)
1.2.3.3. Die Menschwerdung Gottes mag moralisch verstanden werden als „Gottes Geburt in die Seele“. Meister Eckharts Sicht verlagert die Heilige Hochzeit weg von der allgemeinen „Menschheit“ in die jeweilige „Seele“.
Dies ist vermutlich die heute zeitgemäße Weise, die „Fleischwerdung des Geistes“ zu verstehen. Sie kann auch die Jugend begeistern, die heute, angeödet von kanonischen Lehren, nach Osten abdriftet, um dort vielleicht auf Meister Eckhart zu stoßen und in die eigene Heimat zurückverwiesen zu werden!
Die „Seele“ ist der sakrale Ursprung des profanen „Individuums“. (vi)
Die geistliche „Seele“ geht weit über die psychologische Fassung der „Seele“ hinaus: Ihr ist nämlich das Merkmal der „Jemeinigkeit“ eigen: Meine Seele gibt es nur ein Mal in der Weite des Weltalls. Sie ist völlig unvergleichlich mit jeder anderen Seele!
Die wissenschaftlich-psychologische Seele aber hat immer die gleiche Struktur, nur halt mit verschiedenen „Inhalten“ gefüllt! Ganz klar dominiert hier die Struktur! Mein einzigartiges Schicksal, mein Ich hat in der Wissenschaft keinen Platz! Wissenschaft ist ja gerade das Wissen, das an jedem Ort – zu jeder Zeit – und für alle Individuen gelten soll. Mein Ich, mein Ort und meine Zeit werden als Störgrößen weg-gefiltert: abs-trahiert!
Das ist der Fluch der Metaphysik, die nur das Allgemeine ins Auge fasst! Zu Recht hat Heidegger die Wissenschaft als legitimen Nachfolger der Metaphysik begriffen! Die Grundstruktur mit ihrer Unterscheidung in eine Welt zeitlosen Wissens und eine Welt zeitlicher Erscheinungen ist dieselbe!
1.2.3.4. Die Menschwerdung Gottes mag tropologisch (oder „anagogisch“) verstanden werden: als wesentliche Erlösungstat. Darauf läuft es schließlich hinaus! Dieser vierte Schriftsinn gibt den anderen dreien erst ihren Sinn!
An ihm scheiden sich am meisten die Geister. Das geht schon aus der doppelten Benennung hervor:
1.2.3.4.1. Anagogisch heißt „hinaufführend“, eine Kontraktion aus aná, „hinauf“, und ágo, „führen“. Anagogé heißt auch das „Auslaufen der Schiffe“ auf hohe See, die „Abfahrt“.
Hier ist ganz zwanglos das metaphysische Religionsverständnis zu erkennen, wo sich Erlösung im Wesentlichen im Jenseits, d.h. nach dem Tode ereignet: Die Seele läuft aus auf hohe See und sucht den himmlischen Hafen.
Zu diesem Weltbild ist zu sagen: Es ist möglich, aber kaum einer glaubt mehr daran, am wenigsten die Priester. Es wird nur noch proklamiert, aber hat heute keine erkennbare Realität! Wenn der Priester bei der Predigt ausholt und das „Jenseits“ beschwört, dann herrscht nur noch Peinlichkeit: Wann hört er endlich auf mit dem sattsam bekannten Gedankengut!
Diese Unfähigkeit des heutigen Europäers, an ein Jenseits zu glauben,
wird vom Großteil der Kirche heftig beklagt,
aber nur, weil sie keinen Begriff von der Präsenz des Christentums hat.
In Wahrheit ist diese „Unfähigkeit“ ein seinsgeschichtliches Ereignis, über das kein Mensch verfügt. Es hat sich in der Grunderfahrung der „Zeit“, d.h. des Seins, etwas ereignet, was die Spaltung in „Zeit“ und „Ewigkeit“ ein für allemal verbietet. Sie treibt nur noch im faktischen Religionsersatz “Wissenschaft“ ihr Unwesen und tyrannisiert uns dort unter dem Vorwand, uns zu dienen. (vii)
Dieses seinsgeschichtliche Ereignis ist der Tod aller traditionellen Religionen. Nur eine „präsentische Eschatologie“ wird überleben: „Erlösung geschieht entweder jetzt oder nie!“
1.2.3.4.2. „Tropologisch“ kommt von trépo, „drehen, wenden, kehren“. Auf diese „Umkehr“ kommt es an: nicht erst, wenn „das Auge modert, das Gottes Herrlichkeit erblicken soll.“ (viii)
Hier hat das Christentum ein Potential, das in anderen Religionen nicht so klar erkennbar ist:
Gott ist hier, in dir und im Nächsten!
Es liegt im Wesen des Menschen, dass er sich fortwährend überwindet. Stillstand ist Tod. Eine Predigt ohne Provokation, die sich nur in allgemeinen Weisheiten aufhält, bewirkt keine Wende und hat ihren Sinn verfehlt: „Du musst dein Leben ändern!“ und zwar jetzt und um dieses Lebens willen, weil es dem Wesen des Lebens entspricht!
Weil uns dieser Sinn am Herzen liegt, und weil es um meine Änderung in meiner Einmaligkeit geht, darum ordnen wir diesen vierten Schriftsinn - im Unterschied zu den Vätern - dem moralischen Schriftsinn zu und nicht dem allegorischen, der sich um allgemeine Glaubensweisheiten bemüht.
So faszinierend aber diese Gedanken über die Menschwerdung Gottes auch sein mögen:
Sie treffen das Wesen des Christentums als einer Liebes-Tat nicht!
i) Das ist ähnlich wie in der Medizin: Sie ist in ihrem Wesen Heil-Kunst. Das Wort Kunst umfasst „kennen“ und „können“, aber allein auf das „Können“ kommt es in der Heilkunst letztlich an! Alle kunstvollen Theorien haben nur insofern einen Sinn, als sie der Praxis der Heilung dienen. Jede Erklärung des Unheils, die keine Konsequenzen hat, ist nichts als eine nette Spekulation ohne jede Verbindlichkeit! Insgleichen ist eine Diagnostik ohne praktische Konsequenzen für Therapie, Prophylaxe oder Prognose höchst fragwürdig, ja sogar verwerflich, wenn sie mit irgendwelchen Risiken verbunden ist. Gegen dieses Gebot wird täglich verstoßen!
ii) Ein Gesetz wird heute beschlossen und gilt ab einem bestimmten Augenblick in der Zukunft, der den Betroffenen Zeit gibt, sich darauf einzustellen, für eine unbefristete Zukunft.
iii) “Gott ist ein Gott der Gegenwart” (Traktat 2, Die rede der underscheidunge, BD. V, Traktat 2, Kap. XII, Daz ist von sünden, wie man sich dar zuo halten sol, ob man sich in sünden vindet, S. 234).
iv) Heute bezeugen wir das gerade Gegenteil. Christliche Theologen sind Künstler wüster Jenseits-Spekulationen, die in keiner fassbaren Beziehung zur christlichen Urtat der schenkenden Liebe stehen!
v) „Ares und Aphrodite“, dieses wahre und schreckliche Bild der Buhlschaft von „Krieg und Liebe“, wo der Künstler betrogen wird, wird in Bann getan!
Kriege, die die Welt im Namen der Liebe verwüsten (1618 – 1648; 2.8.90 – 5.3.91; 2003ff), werden geächtet. Bomben sind punktgenau böse! Sie werden immer auf fremdem Boden abgesetzt. Verteidigungskriege werden anders geführt!
Ares und Agape müssen erst gar nicht geschieden werden. Sie hatten nie etwas gemeinsam!
Die lateinische Übersetzung von Eros ist Amor. Die Franzosen scheuen sich seltsamerweise nicht, den zentralen Satz ὁ ϑεὸς γάπη ἐστίν, Deus caritas est, das γάπη/caritas mit „amour“ zu übersetzen! Das nenne ich wahrhafte mediterrane Sinnenfreude!
vi) Das Grundgesetz ist ohne Christentum nicht denkbar. Wenn es heißt „Jeder hat das Recht auf körperliche Unversehrtheit“, dann ist mit „jeder“ keine statistische Größe gemeint, sondern „jeder Einzelne in seiner Jeweiligkeit“. Das ist ohne Rückbesinnung auf den Guten Hirten, der dem einen sicher tödlich verirrten Schaf in die Wüste folgt und dabei 99 Schafe der möglichen Gefahr durch den Wolf aussetzt, nicht denkbar!
vii) So geschehen heute in Deutschland - und leider noch schlimmer im “Rest der Welt” - Hinrichtungen im Namen der Wissenschaft. Inquisitionen sind heute so selbstverständlich wie damals. Menschen werden erbarmungslos gemartert und von Medizinischen Diensten zu einer völlig sinnlosen Chemotherapie verdammt, die ihnen nur noch den Rest ihrer Tage verekelt. Ein Recht auf Selbstbestimmung wird ihnen nicht eingeräumt. Diese Qualen werden ihnen nur zu ihrem Wohle zugefügt! Wer hier keine Parallelität zu den Hexenprozessen erkennt, dem fehlt es am einfachsten Abstraktionsvermögen!
viii) Kleist: „Das Leben nennt der Derwisch eine Reise, und eine kurze freilich: von zwei Spannen diesseits der Erde nach zwei Spannen drunter. Zwar eine Sonne, sagt man, scheint doch auch und eine schönre noch als hier! Ich glaub’s! Nur schade, dass das Auge modert, das diese Herrlichkeit erblicken soll!“
1.3. Drittes Dogma: Der Sinn des Menschen ist es, Gott zu werden! (Joh. 17)
Im hohenpriesterlichen Gebet überträgt Christus seine Göttlichkeit auf den Menschen.
Er verlangt keine Opfer. Er opfert sich selbst!
Dies ist der gefährlichste Gedanke und vermutlich das strittigste Dogma. Es birgt die Gefahr der höchsten Hybris in sich und ist also dem Satan so nah wie Gott: Eritis sicut dii, „Ihr werdet sein wie Gott!“ Zum Schutz vor dem Absturz in die Hölle der Überheblichkeit müssen diesem Dogma zwei Wahrheiten erläuternd zur Seite gestellt werden:
1.3.1. Gott ist ein Weg.
Gott ist kein Zustand, der bleibend erreicht werden kann. Zumindest im Schlaf, meist aber auch im Alltag fallen wir immer wieder auf die Stufe des Tieres zurück, wo wir nur noch funktionieren. Da Gott „Liebe“ ist, muss ich mein Ego lassen! Jeder Stolz baut ein Bild von sich, eine Statue, ein goldenes Kalb. Um Gott zu werden aber muss die Seele, wie Meister Eckhart sagt, jungfräulich in dem Sinne werden, dass sie sich von allen Bildern, d.h. von allen festen Vorstellungen befreit! Jeder Anflug an Stolz ist Verrat an der Göttlichkeit der Seele und damit ein Irrweg, der nicht zu Gott, sondern in die Hölle führt!
1.3.2. Das Höchste kann nur in tiefer Demut erreicht werden!
Darum ist die täglich Übung in der Tugend der Demut von größter Wichtigkeit. Gelegenheit dazu gibt es im Alltag reichlich: Sechs Milliarden Menschen gehen sich wie eine eingepferchte Pferdeherde auf den Nerv. Der eine ärgert den andern. „Wut“ ist eine natürliche Antwort auf „Ärger“. Der Kreislauf von „Reiz“ und „Gewalt“ aber macht das Paradies der Erde zur Hölle.
Eine Weisheit sagt, dass zum Ärgern immer zwei gehören,
- einer, der ärgert und
- einer, der sich ärgert!
Der Weise steht über dem Geschehen und erkennt, dass der Satan ihn nun versuchen will. Er tut ihm nicht den Gefallen, auf sein Ärgern hin sich zu ärgern und dadurch zum reinen Reflexwesen zu werden und auf die Ebene des Tieres zu sinken! Er weiß, dass der kranke Kreislauf von „Reiz und Gewalt“ nur dadurch erlöst werden kann, dass er auf das Ärgern entweder gar nicht oder absurd, d.h. mit einer Freundlichkeit antwortet.
Das wird den Satan zu ungeheurem Erfindungsreichtum reizen. Er wird alles daran setzen, sein Ziel dennoch zu erreichen. Er wird seine Reize bis zu jener Grenze steigern, wo entweder der Kragen doch noch platzt oder jede Grenze so weit überschritten wird, dass der Ärger auf den Satan selber zurückfällt und ihn erschlägt.
Der Christ nutzt dies nicht als die Stunde der Rache, sondern der Friedensstiftung. Nur wenn er auf Rache, ja sogar auf jeden Anflug von „Häme“ verzichtet, kann er den Feind zum Freund gewinnen!
Es bedarf einer täglichen geistigen Übung, um diesen Weg der Demut zu gehen!
Die Übung führt sich die Grundlosigkeit des Ich-Sagens vor Augen:
Vor und hinter dem Ich tun sich die Abgründe der „Geburt“ und des „Todes“ auf.
Jeder Anflug an Überheblichkeit ist nur lächerlich!
Liebe ist eine Gnade, die über dem Abgrund blüht!
Rache aber rottet Gottes Garten aus!
Diese drei Dogmen machen das Christentum völlig einzigartig unter allen Religionen!
Warum laufen dann die Menschen zu Haufen davon?
2. Zur Praxis
Christentum ist, wie wir gesehen haben, in seinem Wesen eine Praxis und keine Theorie. Christus war kein Theologe. Diese Verlogenheit hat er den Pharisäern überlassen. Er war ein Gott der tätigen Liebe!
Seine heutigen Nachfolger aber zeichnen sich überhaupt nicht durch besondere Hingabe und Liebenswürdigkeit aus. Ein Blick in die Kirchen: Diese trostlosen, verbiesterten Gesichter: völlig uninspiriert, völlig unbegeistert, vom Geist Christi: keine Spur!
In christlichen Familien geschehen Schmähungen und Erniedrigungen und zwischen den Familien geschehen die ungeheuerlichsten Dinge, ohne dass hier ein Pfarrer einschritte und Kraft seines Amtes die Ordnung wiederherstellte: Ein paar unverbindliche Worte der Mäßigung und das war’s!
In der Bergpredigt aber steht ganz klar: Bevor Du zum Tisch des Herrn gehst, versöhne dich mit Deinem Nächsten!
Dieses Gebot wird regelmäßig missachtet!
Wenn Bergpredigt Wirklichkeit wäre, wäre Weltrevolution!
Durch ihre lasche Haltung
- verhöhnen die Christen ihren Gott
- und verjagen die Jugend!
Ich könnte ganze Abende erzählen, wie ich mit den schlichtesten Anliegen von dieser Kirche im Stich gelassen worden bin, von Mönchen, Nonnen und Priestern: Überall die gleiche Feigheit und Inkompetenz, das Wort Christi in den klarsten Lebenslagen zu verwirklichen!
Dies ist meine Erfahrung aus einem Vierteljahrhundert allgemeinärztlicher Tätigkeit: Immer wenn ich mich in meiner Not an die Kirche gewandt habe, bin ich kläglich gescheitert! Diese Kirchenvertreter sind Schwätzer und sonst nichts! Die Praxis des Helfens ist ihnen fremd!
Beispiel: Eine Mutter mit vier Kindern bricht unter der Last zusammen.
Wo ist die Kirchengemeinde, die ihr hilft?
Ich wende mich an den katholischen Pfarrer.
Ich wende mich an den evangelischen Pfarrer.
Ich bekomme überall Verständnis für mein Anliegen, dass irgendeine rüstige Oma dieser jungen Mutter doch wenigsten für zwei Stunden am Tage die Kinder abnehmen und den Haushalt schmeißen müsste!
Ergebnis: Ein 13jähriges Kind wird ihr ins Haus geschickt, das selber der Betreuung bedarf, aber von Hilfe keine Spur!
Diese Geschichten könnte ich endlos fortspinnen, so dass ich einfach sagen muss:
Es existiert keine Kirche in der Not!
In meiner eigenen Scheidungsmisere wende ich mich an Mönche, Nonnen und Priester, um eine Mediation auf der Basis der Bergpredigt zu erhalten!
Ein berühmter Pater schreibt Bücher der Erleuchtung, aber hat mich gnadenlos abblitzen lassen. Natürlich versteht er die Berechtigung meines Anliegens, aber zur Tat, ein solches Werk ins Leben zu rufen, fühlt er sich nicht aufgefordert! Er ist vollauf mit der Vermarktung seines Ruhmes beschäftigt. Mit den Worten: “Ich kann Ihnen auch nicht weiterhelfen!” legt er den Hörer auf!
Armleuchter über Armleuchter, aber keine Männer und Frauen vom Schlage Christi! Das ist es, woran die Kirche krankt! Sie ist ein Hohn auf Christus. Er hätte heute kein anderes Wort für sie als einst für Petrus:
“Weiche Satan, Du bist mir verhasst!”
(Mt. 16,23)
Die psychologischen Beratungsstellen der Kirchen sind ein Witz: Da sitzen Psychologen und keine Theologen! Sie haben an der Universität eine ganz gottlose Psychologie gelernt und die wenden sie nun im christlichen Rahmen an! Da wird die Seele objektiviert und sie hat reproduzierbare Strukturen! Da ist eine wie die andere!
Von “Seele” im religiösen Sinn als einzigartiges Geschöpf ist in diesem gottlosen Weltbild nicht die Rede!
Was brauchen wir einen Marx und seinen Sozialismus?
Was brauchen wir einen Ombudsman?
Für eine höhere Gerechtigkeit müsste doch die Kirche sorgen! Sie dürfte das Urteil, dass ein Arzt ins Gefängnis wandert, nur weil er ein Lasergerät verwendet hat, das in China gekauft war und kein europäisches Gütesiegel hatte, einfach nicht hinnehmen. Kein Patient, nur ein Paragraph ist verletzt worden. Und dafür wird eine Existenz vernichtet! Hier müsste ein Bischof höchstpersönlich mit dem Richter sprechen, und wenn er kein Einsehen hat, ihn exkommunizieren! Christus war gerade: ein Mann der Tat! Wo ist diese christliche Realität?
Wenn die Leute sähen, wie ihnen die Kirche wirklich zur Seite steht, um schreiendes Unrecht zu korrigieren, dann wäre diese Kirche wieder ein Schutz! Sie wäre wieder ernst zu nehmen. Sie zeigte Taten statt unverbindlicher Worte!
Radikalkur: Wir nehmen die Bibel ernst, und zwar in ihrem „Wesen“, d.h. nicht „wörtlich“, wie es viele „Zeugen Jehovas“ und „Bibeltreue Christen“ tun, die am Buchstaben hängen, aber vom Geist und Witz Christi nichts mitbekommen haben! Wir schließen also Freundschaft mit dem Feind, der uns innerlich am meisten widerstrebt, und bevor dies geschehen ist, gehen wir nicht mehr zum Tisch des Herrn!
Wenn sich bei dieser Forderung die ganze Kirche selber exkommuniziert, dann nehmen wir das mit dem gleichen Gleichmut zur Kenntnis wie einst Christus, als er seine Jünger fragte: „Wollt auch Ihr mich verlassen?“i
Christus hat einen Menschentyp gehasst: den Pharisäer, den Heuchler! Er wusste alles über Gott, aber von Liebe - keine Spur!
Also ist es heute. Unsere Kirche weiß alles über Gott. Eine ausgefeilte Theologie verrät die letzten Feinheiten dieses Gottes. Man könnte ein Phantombild malen!
Die ganze Theologie ist aber nichts als eine nette Spekulation. Für den wahren Christen hat sie keine Verbindlichkeit! Das einzig Entscheidende am Christentum ist die Tat:
Liebe als Tat, sich zu ver-schenken,
das ist es, was das Christentum auszeichnet!
Die ganzen Glaubensartikel vom dreieinigen Gott, von der Menschwerdung, ihr Quomodo, das Verhältnis zwischen „Zeit“ und „Ewigkeit“, „Gut“ und „Bös“, ob das Böse nur Gottesferne ist oder eine eigene Macht ist, ob sich also das Gute aus dem Bösen (ii) oder das Böse aus dem Guten definiert: diese Spekulationen sind nette Geschichten, aber sie treffen nicht den Kern des Christentums als einer Tat!
Mit solchen Streitfragen lassen sich dreißigjährige Kriege führen. Die ganze Welt kann dafür in Schutt und Asche gelegt werden – und zwar im Namen der Liebe! – aber mit jeder Rechthaberei wird Christus aufs Neue ans Kreuz genagelt!
Es ist so wie Heidegger sagt: Das abendländische Ereignis der Metaphysik hat sich des Christentums bemächtigt. Christentum ist nichts anderes als Platonismus fürs Volk. Das Christenvolk verehrt den extremen Gegensatz seines Urhebers (Nietzsche): Es treibt einen abscheulichen Götzenkult:
Christus hat Gott auf die Erde geholt und in der Anwesenheit des Nächsten entdeckt.
Die Christen aber haben Gott wieder in das wüste Jenseits geschickt.
Christus hat Liebe gelehrt und gelebt.
Die Christen aber unterscheiden sich
in Bezug auf Opferbereitschaft und Liebenswürdigkeit
durch nichts von Nichtchristen.
Christus hat Wahrheit als Weg verstanden, den man im Leben gehen muss.
Man kann sie nicht haben, man muss sie sein!
Die Christen aber glauben sich immer noch im Besitz der Wahrheit:
Sie wollen sie haben!
Christus hat Gott als „Geist“ verstanden.
Die Christen aber haften immer noch an Gott als einer „Person“
und tanzen um das goldene Kalb!
Wenn wir Theorie und Praxis des Christentums im Sinne seines Urhebers ändern,
dann ist Christentum wieder ein begeisternder Gedanke
und in demselben Augenblick eine Weltrevolution!
Lessing hat kurz vor seinem Tod einen genialen Gedanken geboren:
In seinem Werk „Nathan der Weise“ kommt der Christ in drei Gestalten vor:
- als dummer Ritter, der immerhin lernfähig ist,
- als korrupter Statthalter, der hoffnungslos verlogen und verloren ist
- als wahrer Christ, d.h. als Christ in der Tat. Und der ist Jude.
Das ist Lessings tiefster Witz!
Dieses Werk gilt als großes Werk der „Aufklärung“, als Triumph der „Vernunft“.
Das ist es auch – in einem tieferen Sinn, tiefer als sein heutiges Verständnis:
Vernunft und Liebe sind eins! (iii)
(i) Der Sinn dieser Rede hängt ganz von der Intonation ab: wird sie traurig – oder wird sie spöttisch intoniert? Der Geist Christi sagt mir: spöttisch! Christus ist nicht erpressbar, und am allerwenigsten durch Gefolgschaft! Einsam ist er ans Kreuz gegangen, von zwei Frauen und einem Kind namens Johannes begleitet! Keinem ist er zu Kreuze gekrochen! Er wusste wohl, auf wen er sich mit diesem unausweichlichen Petrus eingelassen hat (Mt. 16, 23). Also ist es heute!
(ii) „Das Gute, dieser Satz steht fest,/ ist stets das Böse, was man lässt.“ (Wilhelm Busch)
(iii) Alte Weisheit des Mittelalters: In der via unitiva sind Liebe und Erkenntnis eins! Um dies zu verstehen, muss der ursprüngliche Sinn der „Vernunft“ wieder wahrgenommen werden: als „vernehmen“ und nicht als „berechnen“. Das „Berechnen“ ist der Ratio (aus reor, ratus sum, reri) eigen. Es gilt, die Vernunft aus der Verwechslung mit der Ratio zu befreien!




